Kurzgeschichte der Woche

Mund-Werk

„Bist Du auch ein Mundwerker?“, stellte die alte Dame mir eine Frage, indem sie mir tief in die Augen blickte, als wolle die Grauhaarige mit schütterem Haar meine Seele erkunden. Mundwerker, dachte ich und schlussfolgerte gleich, dass sie mich mit einem Politiker verwechselte. Tatsächlich glich ich einem dieser Chamäleon ähnlichen Wesen, war bereits des Öfteren darauf angesprochen worden. Selbst ein Karikaturist auf dem Jahrmarkt bat darum mich porträtieren zu dürfen. Kostenlos, wie er damals betonte. Und ich setzte mich auf den kleinen Drehstuhl, den er zuvor ganz tief gedreht hatte, aus welchem Grund auch immer. Ich saß eine geschlagene Stunde Modell, verfolgte wie meine Nase immer größer wurde, als sei ich Pinocchio, obwohl ich, außer dem Einverständnis zum Porträtieren mit einem schlichten ‚JA‘, noch kein Wort von mir gegeben hatte, also auch nicht Lügen verbreiten konnte. Zum Abschluss netzte der Künstler einige Male den Zeichenstift mit seiner spitzen Zunge, fuhr damit rund um mein gezeichnetes Haupt und entließ mich mit den Worten: „Macht 10“. 10? Was 10?, dachte ich zugleich. Der Kerl hatte mir doch Kostenlosigkeit versprochen. 10 Umarmungen? Wollte er mich verführen?

Ein Schauer überrieselte bei dem Gedanken meinen Rücken. 10 Münzeinheiten, oder gar solche aus Papier. Konnte unmöglich der Tatsache entsprechen. Der Mann sah nun wirklich nicht nach Abreisser aus, obwohl ich Löcher in seinen Jeans entdeckt hatte. Doch das waren bestimmt Modelöcher, wie diese sich zurzeit im neusten Modehype auf nackter Haut überall sonnten. „Nein, 10 Leben“ sagte er jetzt mit geheimnisvoller Stimme. 10 Leben? Was soll das kabelte meine Nervenbahn herzwärts durch meine Aorta ins neuronale Netzwerk, das, ich konnte es mit meinem inneren Auge ganz genau beobachten, unbändig, als sei es Unkraut nach einem Regenschauer, beinahe ins Unendliche wuchs.
An den Karikaturisten musste ich denken, als die alte Dame mich als Mundwerker identifizieren wollte, obwohl Politik das letzte war das ich auf meinem Hut hatte. Hut? Ich trage doch nie einen Hut, also kann ich auch nichts am Hut haben, schwang dabei mein neuer neuronaler Hirnbaum im Liquor. Auf diesen hörte die alte Frau nicht, oder konnte sie diesen nicht vernehmen? Denn sie nahm mich beim Hut, den ich nicht besaß, und zog mich mit undurchsichtigen Fäden, die meine Finger umschlangen, zu einem kleinen Feldweg, der in die Tiefe einer Schlucht führte, im Zickzack den Bergpfad hinab. Ich hatte denkbar ungeeignetes Schuhwerk an den Füssen.

Doch immer tiefer zum Talboden hin, in dem ein Fluss schäumte und seine Spritzer großzügig verbreitete, wurde ich gezogen. Die Alte befahl mir ins Wasser zu steigen. Mir wuchsen, das fühlte sich seltsam an, dabei Kiemen, und wir schwammen weit und weiter, bis der Strom sich in Ebbe und Flut zu spiegeln begann. Als ich um eine Pause bat, wurde diese mir verweigert. In die Tiefe des Ozeans drangen wir dann ein, traten in eine Höhle die mit einem riesengroßen Schild MUNDWERK angeschrieben war. In ihr mahlten mächtige Zähne die wie Hörner einer wilden auf dem Kopf stehenden Gebirgslandschaft aussahen. Seitdem, und es muss sich um Jahrtausende meiner alten Zeitrechnung handeln, versuche ich dem Mahlstrom, der alles zerkaut, geschickt immer wieder auszuweichen, mich und mein Leben zu retten, obwohl ich jetzt erkenne, dass kein großer Unterschied zu meinem bisherigen ‚normalen‘ Leben besteht.
Je bestand.
Je bestehen wird …




Aus:
François Loeb’s
Sprichwort
SchüttelBecher
Weis-heiten des 21. Jahrhunderts

DER WÜRFEL
IST EIN
LEBENSSPIEL




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"Mund-Werk" als Tondokument, vorgelesen von François Loeb:





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