Kurzgeschichte der Woche

Rotieren

„Rotieren, rotieren“, ruft der bärtige Mann von der kleinen Mauer aus, auf die er gestiegen ist. Er sieht ernst und besorgt aus. Weist mit seinem ausgestreckten rechten Arm, unterstützt durch seinen Zeigefinger in Richtung des strahlend blauen Himmels. Es ist Sonntag. Alle Geschäfte haben geschlossen. Menschen paradieren auf der Fußgänger Einkaufsstraße hin und her. Sehen und gesehen werden. Ein sonntägliches Ritual in unserer so angenehmen Kleinstadt. Ich ein Teil dieses Rituals. Die Sonne brennt. Und der Bärtige schmettert seine Worte in die flirrende Luft. „Rotieren, rotieren“, was will er mitteilen? Ein Ver-rückter? Nun, ich stelle fest, dass immer mehr Menschen dem Stress der modernen Welt nicht mehr gewachsen sind. Sich Luft machen. An der Luft. Auch wenn diese flirrt, den Schweiß treibt. Sollen sie doch, denke ich. Jedem Tierchen sein Pläsierchen. Doch die Worte hallen in meinem Kopf nach. Was will der Mann verbreiten? Er sieht gepflegt aus, trägt Anzug, weißes Hemd und Fliege. Eine neue Weltsicht? Eine Überzeugung? Mich zum Handeln animieren? Propagiert er Windenergie? Windrotoren? Will er uns zum Tanzen statt zum Paradieren bringen?

Ich stelle fest, dass seine Rufe kaum Beachtung finden. Kaum jemand ihn wahrnimmt. Aber dieser Nachhall in meinem Ohr. In meinem Hirn. Rotieren, rotieren! Was und wann und wie? Entscheide mich ihn anzusprechen. Gehe hin. Lade ihn zu einem Kaffee in der Eisdiele ein, die in der Nebenstraße liegt. Er nickt. Steigt von der Mauer in einem gewagten Sprung zu mir herunter. Streckt seine Hand aus. Ich ergreife sie. Fester Händedruck. Wir schreiten zum Café. Komme mir in meinem Parka schäbig vor. Und klein. Er überragt mich um zwei Köpfe. Sieht auf mich herunter. Denke mit Recht. Denn er hat eine Mission. Ich nicht. Wir setzen uns an einen kleinen Tisch. Und er sieht mir tief in die Augen. Ich erschauere leicht, fühle die Tiefe seines Anliegens. Bestellt eine heiße Schokolade. Ich meinen kleinen Schwarzen. Seine Stimme jetzt leise. Glasklar. Angenehm. Und er beginnt:

„Rotieren, rotieren. Die Erde, unser Globus rotiert. Rotiert und rotiert. Ich habe mir die Aufgabe gestellt die Rotation zu Verlangsamen. Sind Sie mit mir einig? Alles läuft immer schneller ab. Die Stunden, Tage, Wochen, Monate, Jahre fliegen uns um die Ohren. Verlangsamung tut not! Ich bremse die Erdrotation. Lege Stöcke in deren Speichen. Helfen Sie mit! Rotationsbremser suche ich. Schließen Sie sich an!“
Und seither verbreite ich die Überzeugung. Steige auf kleine Mauern. Auf Podeste. Und rufe auch hier meiner Leserschaft zu: „Rotieren, rotieren!“ Helfen Sie mit ...




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"Rotieren" als Tondokument, vorgelesen von François Loeb:





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