Kurzgeschichte der Woche

Schlaf Kindlein Schlaf

Seit beinahe drei Monaten kann ich nicht mehr gut, tief und traumfrei schlafen. Habe zuerst meinen Hausarzt konsultiert. Er, der perfekte Diagnostiker, das ist seiner Jahrzehntelangen Erfahrung zuzuschreiben, hörte mich zuerst mit dem Stethoskop ab. Klopfte mit den Knöcheln seines Zeigefingers meine Brust und den Rücken ab. Die magischen Worte TIEF ATMEN, ANHALTEN, WEITERATMEN, HUSTEN, NOCHMALS BITTE, entwichen wie Wölkchen seinem Mund, gaben mir Zuversicht von meinem Leiden bald erlöst zu werden. Dann sah er mit seiner Stab Taschenlampe in meine Augen. Prüfte den Augenhintergrund. Nahm sein Hämmerchen zur Hand, klopfte in meine Kniekehle. Prüfte meine Reaktionen, die, wie ein ausschlagendes Pferd, zu seiner vollen Zufriedenheit ausfielen. Seine beruhigende Stimme, mit der für mich so heilsamen Modulation, bemerkte darauf, dass er nichts Bedrohliches finden könne. Alltagssorgen werden es sein, fügte er bei. Verschrieb mir Baldriantropfen, die ohne Rezept die Krankenkasse nicht zahlen würde. Doch die Schlaflosigkeit war hartnäckig. Jede Nacht wachte ich mehrmals auf. Vermeinte ein Getrappel in meinem Zimmer festzustellen. Konnte jedoch keine Ursache finden.

Muss ihn loswerden. Nicht an Mäuse. So hoffe ich. Einen Geistheiler aufsuchen? Einen Exorzisten, der die Geister die da spuken, und hoffentlich nie spucken werden, beruhigt? Mein sauer verdientes Geld für so unsicheren Erfolg ausgeben? Nein danke. Muss selbst eine Lösung finden. Melde mich im Schlaflabor der hiesigen Universität an. Schlafe 10 Nächte dort. Tief und fest. Ohne Aufzuwachen. Werde als Simulant mit mitleidigem Lächeln bedacht. Unverrichteter Dinge nachhause geschickt. Schwöre mir selbst weiße Nächte einzurichten, um der Ursache auf die Spur zu kommen. Setze mir als Belohnung, trotz Übergewicht, eine Chips-, Nuss- Wurst- Pizzaorgie dabei zu feiern. Kaufe alles Notwendige ein. Das reißt ein Loch in meine bereits so löchrige Geldbörse. Aber ohne Preis kein Fleiß, sage ich mir mit leiser innerer Stimme, nur die Lippen bewegend. Will nicht als gestört betrachtet werden. Frage mich wie eine weiße Nacht zu organisieren sei. Wie die Augenlider zu überlisten sind. Liegt im Wort die Antwort, wie bei so vielen Dingen? Mit Liedern? Singen? Die ganze Nacht? Da ist mein Repertoire zu klein. Nur Kinderlieder. Noch ein oder zwei Volkslieder. Das reicht keinesfalls. Lesen? Ja, ein spannendes Buch! Habe die Handbibliothek über meinem Bett. Zwar alles ausgelesen. Aber ein Edgar Allan Po wäre das Richtige, auch als Wiederholung! Der Tropfen? Oder wie heißt die Horrorstory? Ja, steter Tropfen höhlt den Stein. Ah! Das Pendel! Beim ersten Aufwachen das Buch zur Hand nehmen. Lege es bereit. Auf dem Nachttisch.

Und dazu die Taschenlampe, um keine Mücken, Nachtfalter, oder ähnliches Nachtens schlafloses Getier anzuziehen, das mich nur noch mehr nerven würden. Lege mich zu Bett. Nicht ohne zuvor die Speisen für die weiße Nacht bereit zu stellen. Schlaf vor Mitternacht soll der Beste sein. Also, husch ins Bett. Schlummere gleich ein. Doch wie gewohnt das Getrappel kurz nach Mitternacht. Nehme das Chips Paket an meine Brust. Das Buch. Den Spannung Thriller! Edgar Allan Po! Schlage es auf. Was? Ein Buchstabensalat. Lesebrille auf die Nase. Salat bleibt. Was ist da los? Die Buchstaben tanzen! Vor meinen Augen. Müdigkeit? Augenlider-Tango. Augenlider-Rock. Augenlider-Walzer? Ein A und zwei Z geben mir die Hand. Trappeln lautstark. Rufen mir singend, also doch Lieder, statt Lider, zu: „KOMM MIT UNS IN DIE BUSTABEN DISCO, DU WOORMM ZZ TTT HHJ. HH LLEFZUNGETM …“





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"Schlaf Kindlein Schlaf" als Tondokument, vorgelesen von François Loeb:





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