kostenlose Kurzgeschichte der Woche

Meine kostenlose Kurzgeschichte der Woche

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Absurdiquarium

Ich sei doch ein Entdecker, warf mir meine Freundin als schwerer Brocken vor meine Füsse. Was für ein Glück, dass dieser nicht meine grosse Zehe traf. Das hätte verheerend sein können. Schmerzerfüllend, sind doch meine Fusssprösslinge besonders einfühlsam, für alle äusseren Einwirkungen ausgesprochen aufnahmefähig, nervtötend. Als Neugier-Fetischist wolle sie, meine Freundin, mir eine Beobachtung mitteilen, die sie heute auf ihrem Arbeitsweg mit einem ‘clin d'oeil‘ gemacht habe, eine treffende Übersetzung aus dem Französischen falle ihr nicht ein, denn im Handumdrehen passe einfach nicht, wenn es sich um einen kurzen Blick, ein Augenzwinkern handle und auch Augenblick sei nicht zielführend. Und wenn schon daneben, falls das Ziel nicht erreicht werde, wolle sie versuchen, ihre Beobachtung in Buchstaben und Worte zu kleiden. Da habe in wellenförmiger Schrift, in blauer Neonleuchtschrift gestanden: ’Fischklinik‘. Also, meinte sie und lächelte dabei sarkastisch, das sei doch absurd. Fische könnten doch kein Spital besitzen, ganz abgesehen davon, dass sich solches Getier keineswegs als Haustiere, als Schossfischchen eignen würde, also niemand auf die Idee kommen könne, einen solchen Kaltblütler in diese Institution zu verfrachten. Abgesehen davon, dass ein Fisch einen solchen Transport kaum überstehen würde. Meine Lebensabschnittpartnerin erläuterte dann noch wortreich, sie müsse, damit die Fischklinik in ihrem doch eher leichten Schlaf nicht als massiver Traumgenerator wirken könne, Klarheit herstellen und dies könne ich, gesegnet mit mehr als einem Forschergen, ohne allzu grossen Aufwand bestimmt aus Liebe zu ihr ganz locker mit links richten.

Ja, da machte ich mich auf meine löchrigen Socken, denn diese sind nicht autonom, sondern durch meine Beobachtung der Schuhluftströmungen von mir höchstpersönlich in diese eingeschnitten worden, um dann wohlig genüsslich warm und nicht in einem Schuhschwitzkasten auf Erden wandeln zu können.

Ich nahm die vorgezeigte Spur durch die Altstadt auf, um tatsächlich die besagte Leuchtreklame zu entdecken, davor stehen zu bleiben, all meinen Mut in meinem Körper in die Beinmuskulatur zu befördern, um anschliessend den beschwerlichen Weg durch das kahle Treppenhaus in Angriff zu nehmen.

Doch fand ich trotz meiner Entdeckungswut die Tür zur FISCHKLINIK, so war diese tatsächlich ausgeschildert, verschlossen vor. Ohne Resultat zurück zur Auftragsgeberin zu pilgern widersprach meinem Stolz, so nahm ich den Weg zurück auf die Strasse in Angriff und war heilfroh, vor dem Gebäude eine in den FISCHKLINIK-Farben bemalte Holzbank zu entdecken, mich auf diese in der Hoffnung zu setzen, in Kürze dort einer Person zu begegnen, die dieser Institution ihren flutschigen Liebling zuzuführen gewillt sei, die mir dann Näheres über diese Absurdität berichten könne. Nach nur einer gefühlten halben Ewigkeit, tatsächlich war gemäss meinem am Handgelenk gelangweilt baumelnden Chronographen, nur eine knappe Viertelstunde vergangen, setzte sich ein betagter Mann, dessen bestimmt ratzekahles Haupt ein Strohhut bedeckte, neben mich. In der Hand hielt er einen grossen Joghurtbecher, in dem planschend und quakend eine Kröte sass. Meine angeborene Schüchternheit überwindend fragte ich ihn, ob die Fischklinik auch für Kröten zuständig sei, was er vehement, sein Haupt schüttelnd, verneinte und mich darauf hinwies, dass sein Kleinhaustier ein versteckter Fischprinz sei, der in der Klinik endlich und bestimmt nicht entlich seinem Schicksal als Herrscher zugeführt werden solle. Ich müsse jedoch wissen, dass zur Fischklinik nur Zugang erhalte, wer dem dortigen Absurdiquarium neue Wesen zuführe. Und das gehe äusserst einfach vonstatten, und dafür sei die Wartebank eingerichtet. Ich solle, falls auch ich Zugang wünsche, aus dem vorbeiziehenden Fussgängerstrom geeignete Menschenexemplare, die mir auffielen, aussuchen, mit meinen Augen festhalten, um diese anschliessend ihrem gesunden Schicksal zuzuführen. Also, zum Beispiel eine auffallende Augenfarbe, atypische Haltung, übergrosse oder Mini-Fussgrösse, einfach alles, was nicht der Norm eines menschlichen Wesens entspreche, aussuchen. Wenn ich dann ein Dutzend voll hätte, würde ich samt meiner Auslese abgeholt und blitzschnell in die Fischklinik gehievt. Zu bedenken sei einzig, dass sein Prinz darauf beharre, genügend dienerische Gefolgschaft zu besitzen, um seine Herrschaft ausüben zu können. Doch, er könne mir versichern, dass im Absurdiquarium ein angenehmes Klima herrsche und mein zukünftiger wässriger Lebensabschnitt, er kenne meine Forschersucht, mich begeistern werde.

Nie hätte ich gedacht, dass das verlangte Dutzend an menschlichen Absonderlichkeiten so rasend schnell erfüllt würde und husch-husch, blubb-blubb, ich fühle mich augenblicklich erhoben, dann auserkoren, eile meinem kommenden Lebensabschnitt ganz ohne Filmriss entgegen, mir meiner Unvollkommenheit voll bewusst, denn aus dem Absurdiquarium erreicht bestimmt kein Mail meine Freundin, um ihr meinen Verbleib, mein dienerisches Schicksal in der fröschlichen Prinzengarde zu erläutern. So werde ich ihr trotz bestem Willen das Rätsel unserer absurden Welt nicht entschlüsseln können  …



Und als Bonus ein weiterer DREISATZROMAN aus meiner Feder:

Z U - R Ü C K

Hau-Rück
Rutsch mir
Den Rück-en
Ganz fest runter.

Auf dass vom eigen Leib
Mir hält das Bunter
Und den Plunder.

Rück-Wärts
Klunckerzunder
Bleischwer droht der
In Sonderklinkerfinken.



Geschrieben von François Loeb, Schweizer Schriftsteller. Weitere Geschichten finden Sie auf der Archivseite >> und hier sind alle Dreisatzromane >> aufgeführt.


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