Meine kostenlose Kurzgeschichte der Woche
An dieser Stelle präsentiere ich Ihnen im wöchentlichen Wechsel die (kostenlose) Kurzgeschichte der Woche, auch als Pdf-Download.
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Hier die aktuelle Kurzgeschichte der Woche (auch als Download Pdf >>) :
Alleinstellungsmerkmal
Das erste Mal hörte ich diesen Ausdruck am Stammtisch. Paul bemerkte, er besitze ein Alleinstellungsmerkmal. Ich war verwundert. Paul ist zwar intelligent, aber auch immer allein. Ich habe ihn noch nie in Begleitung gesehen, weder einer Freundin noch einem Freund, ausser natürlich den Stammtischkumpels, an deren wöchentlichen Treffen er regelmässig teilnahm, es jedoch ebenso regelmässig nicht nur bei einem Bier bewenden liess. Nein, er war mit bodenlosem Durst gesegnet, süchtig nach zwei, drei oder vier Bieren. Und dann, als Folge, begann er fröhlich zu werden. Ich sah ihm an, dass er bald nicht mehr Herr seiner Sinne sein werde. Er betrank sich an jedem Stammtisch und nach der Fröhlichkeits-Phase wurde er auch ausfällig.
Ja, wir kannten ihn und wussten, wie wir ihn zu behandeln hatten. Wir bestellten dann eine Flasche Mineralwasser und schütteten es ihm über den Kopf. Er wachte dann jeweils aus seinem Rausch auf, sah uns mit grossen Augen an und fuhr mit seiner Alleinstellungsgeschichte fort.
Ja, Alleinstellung, das rieb er uns immer wieder unter die Nase: Allein-Stellung. Er trennte die beiden Wörter und wir fragten uns dann, was er damit meinte, wenn er eine Pause zwischen Allein und Stellung markierte. Nun ja, vermutlich etwas nicht ganz Sauberes, dachten wir. Spekulierten, was das sein könne, ob er für sich selbst, ganz allein eine Stellung herausgefunden habe, in der er sich zu vergnügen wisse. Bei jedem Stammtisch betonte er stets wieder dieses Wort: Alleinstellungsmerkmal.
Wir fragten uns, ob die letzte Silbe -mal mit einem H zu schreiben sei. Ob die ganze, so oft betonte Angelegenheit mit einem Mahl zu tun habe, einem Alleinstellungsmahl. Also, dass Paul jeweils allein am Tisch sitzen würde, oder sich am Herd stehend ein Alleinstellungsmahl bereiten würde. Wir überlegten, was für ein Gericht da in Frage kommen könne. Wenn Paul so für sich allein kocht, dann, so unser Rückschluss, käme wohl eine Cervelat-Wurst infrage, die dann mit Tomaten angereichert wird, um den ärgsten Hunger zu stillen. Also ein richtiger Hungermatsch. Na ja, wer weiss, ob das so war, aber irgendwann nach dem siebenundzwanzigsten Stammtisch, an dem er uns sein Alleinstellungsmerkmahl selbstverständlich mit h, so werweissten wir, unterbreitete, fragten wir uns, ob nicht etwas anderes dahintersteckte.
Ja, eine Stellung, eine Stellungnahme? Nein, ein Name für eine Stellung kam kaum in Frage. Davon waren wir überzeugt. Es war ein Merkmal ganz ohne h. Könnte es sein, dass es mit einer Stellung, wie wir sie kannten, wie wir sie pflegten, wenn wir höchst genüssliche Stunden verbrachten, eine Gemeinsamkeit aufwies? Möglicherweise war es so. Wer weiss. Aber Gewissheit bekamen wir nicht, denn eines Tages tauchte Paul nicht mehr beim Stammtisch auf. Wir fragten uns, ob sein Bierbauch geplatzt sei oder ob er ein ganz neues, einmaliges, kreatives Alleinstellungsmal gefunden habe, an oder in dem er hängen geblieben sei, sich nicht mehr damit vergnügen könne, ob er wohl abgeglitten sei in eine Stellung, bei dem ihm der Kragen nicht geplatzt sei, sondern ihn den Kragen gekostet habe.
Wir spekulierten in weiteren Stammtischrunden immer wieder über Pauls Schicksal, bis Paul eines Tages, wir trauten unseren Augen nicht, erneut auftauchte. Abgemagert, kein Bierbauch mehr. Sehr sportlich, muskulös, und er kam nicht allein. Nein, er kam, was für ein Wunder, mit seiner Freundin, einer überaus hübschen jungen Frau. Wir fragten uns, wer sie sei. Irgendwie kam uns ihr Gesicht bekannt vor.
„Oh", sagte einer, „das ist ja eine weltbekannte Influencerin. Eine Influencerin erster Güte, die Tausende, ja, Hunderttausende von Followern hat und damit ihren Lebensunterhalt mehr als verdient.“ Wir waren augenblicklich alle sehr eifersüchtig auf den ‘neuen’ Paul und fragten uns, wie Paul sich eine so berühmte Frau angeln konnte, bei ihr landen konnte. Das war kaum zu glauben. Doch als wir hörten, dass Paul beim Fussballclub angeheuert hatte und in der ersten Mannschaft spielte und bereits so viele Tore geschossen hatte, dass er im Transfermarkt Hunderttausende von Euros wert sei, dabei schon siebenmal transferiert wurde. Kein Wunder war die Influencerin auf ihn abgefahren, und Paul trank am Stammtisch eine Apfelschorle, kein Bier mehr. Das habe er sich abgewöhnt. Wir überlegten uns, ob der Verzicht auf Bier sein Alleinstellungsmerkmal sei, oder ob er ein neues Mahl herausgefunden habe, das die Influencerin ins Glück katapultiere.
Alleinstellungsmerkmal natürlich ohne h, denn wir konnten uns nicht vorstellen, dass Paul ein guter Koch sein könnte. Überhaupt nicht, wenn er Fussball spielte, Profifussball, in der obersten Liga. Und Paul gekauft und verkauft wurde, er dabei wohl nur einen Bruchteil der Erlöse abbekam. Aber genug, um damit ein Alleinstellungsmerkmal aufzuweisen. Allein? Nein Paul war nicht mehr allein. So war der Ausdruck Alleinstellungsmerkmal falsch. Wir am Stammtisch benutzten, wenn wir über Paul sprachen, im Umkehrschluss einzig noch das Gemeinsamstellungsmerkmal. Ganz ohne kleines h.
Und als Bonus ein weiterer DREISATZROMAN aus meiner Feder:
A L L E I N
Ein All
Allein wohl
Kaum im Raum.
So klein dass
Durch seine
Klitzekleine
Maschen
Unlicht
Blickt.
Mir und Dir
Entgegensickert.
Geschrieben von François Loeb, Schweizer Schriftsteller. Weitere Geschichten finden Sie auf der Archivseite >> und hier sind alle Dreisatzromane >> aufgeführt.
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