Meine kostenlose Kurzgeschichte der Woche
An dieser Stelle präsentiere ich Ihnen im wöchentlichen Wechsel die (kostenlose) Kurzgeschichte der Woche, auch als Pdf-Download.
Im Archiv können Sie dann auch stöbern und "alte" Kurzgeschichten lesen und anhören oder hier kostenlos und werbefrei erhalten >>
Hier die aktuelle Kurzgeschichte der Woche (auch als Download Pdf >>) :
Bauchgefühl
Ich hatte bereits in der Nacht ein seltsames Bauchgefühl. War es ein Traum oder war ich wach? Ich konnte es nicht orten. Wusste keineswegs, auf was es sich beziehen könnte. Bauchgefühl? Etwas schwer verdaut oder sogar schlecht rezeptiert? Eigentlich kann ich mich stets auf meinen Bauch verlassen. Er kündigt irgendetwas an. Es drehte sich nachts alles in meinem Kopf. Ich musste husten, als ich mich drehte und drehte und versuchte, wieder einzuschlafen. Aber das Bauchgefühl blieb. Ich träumte sogar davon. Erschreckend stark. Was konnte es voraussehen? Ein Erdbeben? Einen Sturm? Etwas Persönliches? Liebesentzug? Möglicherweise meine Entlassung? Jobverlust? Eine Katastrophe? Wer weiss schon, was ein solches Bauchgefühl voraussagen kann.
Und dann wachte ich morgens halbgerädert auf, verliess das Bett, ging schnurstracks ins Badezimmer, steckte meinen Kopf unter das eiskalte Wasser. Ein probates Mittel, um schlechte Gedanken in den Abfluss zu befördern. Doch das Bauchgefühl blieb. Also musste ich den Bauch mit eiskaltem Wasser übergiessen. Flugs unter die Dusche. Kaltwasser eingestellt. Brrrrr. War das eisig! Und das Bauchgefühl? Nicht ins Abwasser befördert. Es war noch da, sogar nachdem ich zwei kleine schwarze Kaffee getrunken, einen ungesüssten Tee und ein grosses Glas Wasser ex den Speiseröhrenpfad hinab befördert, ein Spiegelei verschlungen und dem Bauch ein Stück des wundervollen Mohnkuchens in Direttissima kredenzt hatte. Das Bauchgefühl blieb.
Ich ging zur Arbeit. Schwer wog dieses Bauchgefühl in meinem Körper. Noch nie hatte ich meinen Unterleib so intensiv gefühlt. Was konnte das nur sein? Ich ging meiner Arbeit nur halbherzig nach. Machte einen Fehler nach dem anderen. Hätte das Bauchgefühl mich davor warnen wollen? Versucht, mir zu verstehen zu geben, im Bett liegen zu bleiben? Die Voraussage, dass etwas nicht in Ordnung wäre!
Ja, als ich dann von meinem Chef gerufen wurde und er mich befragte, was denn mit mir, seiner fehlerlosen Perle, los sei und ich ihm antwortete, vermutlich seien die Fehler auf den Fallwind, den Föhn zurückzuführen. Ich würde mich in aller Form entschuldigen und selbstverständlich alle Arbeit zu Hause im Homeoffice nachholen. Ich eilte beinahe im Stechschritt nach Hause, wo ich neben dem Homeoffice noch den Haushalt zu erledigen hatte. Ja, und das war nicht so einfach, denn der automatische Staubsauger, den ich erst kürzlich auf Empfehlung meines Freunds erworben hatte, raste zwar durch die Wohnung, hatte aber den ganzen Staub und das Wasser zum Aufwischen statt aufgesaugt ausgeleert. Eine Katastrophe. War das das Bauchgefühl, das mich befallen hatte? Ich wischte alles auf, setzte mein Essen für die Familie auf den Herd. Dazu brauchte ich natürlich auch verschiedene Zutaten. Eine Pfanne war mit Bouillon, die andere mit Reis gefüllt, die letzte mit Milch. Denn Milchreis war ein Wunsch meiner Kindheit, der mich bis in mein doch mittleres Alter nie verlassen hat. Ich widmete mich wieder dem Fußboden … und dann der Schrecken. Die Milch schäumt über, ohne sich dabei zu schämen. Fremdschämen war dabei mein Part des Geschehens.
Milchschwemme über den Herd und auf den Boden. Das war, so vermutete ich, das Bauchgefühl, das sich meiner bemächtigt hatte und noch andauerte. Es ist jetzt tatsächlich eine mittlere Katastrophe. Wie nur kann ich sie beheben? Es riecht nach verbrannter Milch. Überall Krusten. Ah, ich muss den Herd abstellen.
Und da, ihr könnt es glauben oder nicht, wache ich auf und kein Bauchgefühl ist mehr vorhanden. Flugs unter die warme Dusche. Geniesse sie so sehr, dass ich über fünf Minuten darunter verharre. Die Zeit wird dadurch etwas knapp. Muss wie jeden frühen Morgen pünktlich zur Arbeit erscheinen, um meine Kollegin der Nachtschicht abzulösen. Eile in die Küche. Herd mit der Milch auf Höchststufe einschalten. Husch-husch ankleiden. Blick in den Spiegel. Kamm. Lippenstift. Weshalb riecht es jetzt nach verbrannter Milch? Schlafe ich noch, befinde mich noch im bösen Traum samt unsamtigem Bauchgefühl …?
Und als Bonus ein weiterer DREISATZROMAN aus meiner Feder:
R A U C H
Leise rieselt
Socialmediarauch
Erfüllt den Cyberraum.
Bis darauf alles Licht
Erlischt keinerlei
Klarheit mehr
Vorhanden
Ist.
Was darauf
Neues kommen
Wird entführt uns dann
Noch schlimmer ins Pseudoland.
Geschrieben von François Loeb, Schweizer Schriftsteller. Weitere Geschichten finden Sie auf der Archivseite >> und hier sind alle Dreisatzromane >> aufgeführt.
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