Meine kostenlose Kurzgeschichte der Woche
An dieser Stelle präsentiere ich Ihnen im wöchentlichen Wechsel die (kostenlose) Kurzgeschichte der Woche, auch als Pdf-Download.
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Hier die aktuelle Kurzgeschichte der Woche (auch als Download Pdf >>) :
Bauchgrimm
Als wir noch im Verlobtenstatus verharrten, sagte meine Freundin, sie sei stolz auf ihr Bauchgefühl. Mit diesem könne sie so viel erfassen. Erfassen, welche Situation entstehen könnte. Nein könne. Welche Situation sie in Zukunft beeinflussen, uns beeinflussen würde. Ob wir glücklich werden könnten oder nicht. Das Bauchgefühl sei für sie lebensnotwendig. Ja, und ich hätte gar keins, obwohl ich so einen Schmerbauch hätte, auf den sie mit einem Abscheublick zeigte. Auf meinen dicken Bauch, auf den ich bei Weitem nicht stolz bin und den ich schon immer abnabeln wollte, auf dass ich meinen einst lebensspendenden Nabel wieder besser erblicken und schätzen könnte. Doch das gelingt mir nie. So habe ich nach der Diktion meiner damals Verlobten auch kein Bauchgefühl, was sich durchaus als hell leuchtend, einleuchtet erweist. Ich soll endlich den Bauch wegkriegen, und dann sehe die ganze Sache anders aus. Denke, ich werde mich bemühen, aber Bauchgefühl? Na ja, das verspüre ich vor allem nach bestimmten Speisen. Ein Bauchgefühl, das mir Sorgen bereitet, aber nicht die Zukunft oder kommende Ereignisse aufzeigt.
Nun, meine Freundin betonte damals immer wieder, bei ihr sei es so wie bei Insekten, die Fühler haben und mit diesen Fühlern so viel erfassen könnten, was sonst ihr Hirn nicht hergeben würde. Und genauso sei es bei ihr. Sie erfasse so vieles. Zum Beispiel heute bei Regenwetter, den Stürmen, die angesagt sind, hätte sie kein gutes Bauchgefühl. Irgendwo würde eine Katastrophe geschehen, aber nicht bei uns. Und sie wäre so froh, wenn sie andere warnen könne, denn ihr so unfehlbares Bauchgefühl sage ihr, es sei doch noch einiges in petto. Nicht im Pesto, das meinen Bauch so ansteigen lasse, neben dem Biergenuss, dem ich natürlich immer wieder fröhlich frönen würde. Zusammen mit meinen Freunden der Stammrunde. Doch nein, diese will ich unter keinen Umständen abschaffen. Bauchgefühl hin, Bauchgefühl her. Damals, erklärte mir meine Freundin am folgenden Tag, sie habe ein schlechtes Bauchgefühl, das mich betreffe. Mich, ihren Freund. Sie hätte das Gefühl, ich würde anderen Frauen schöne Augen machen, diese gekonnt umgarnen und das vertrage sie überhaupt nicht. Bauchgefühl hin, Bauchgefühl her. Ich soll subito, das bedeute unmittelbar, damit aufhören, ansonsten sie mich nicht mehr kennen würde, mich ghosten würde, wie der moderne Ausdruck heute bezeichnet wird. Na ja, dass ich gerne wunderschöne Frauen anblicke, aber bei Weitem nicht mit ihnen flirte, es sei denn, hm, jetzt kommt es mir in den Sinn: In jenen Tagen traf ich tatsächlich eine Frau in der Straßenbahn, bei der ich dachte, die könnte für mich die Zukunft bedeuten.
Natürlich habe ich sie nicht kontaktiert, aber sehen Sie, das Bauchgefühl meiner Freundin hat was an sich. Und ich vertraue diesem ab sofort viel mehr, habe schon den Eindruck, meine Angebetete könnte vielleicht alle meine Probleme lösen, indem sie beim Lotto die sechs Zahlen plus Zusatzzahl für mich herausfinden würde. Ich habe ihr dann vorgeschlagen, dass wir dieses Experiment wagen könnten. Ich legte ihr einen leeren Lottoschein vor. Insbesondere auch deshalb, da sich in jener Woche im Jackpot 12 Millionen angehäuft hatten. Sie befragte ihren Bauch, nicht meinen, der immer noch bestand, kreuzte sechs Zahlen an und eine siebte, die Zusatzzahl. Was waren wir an jenem Freitagabendnervös, als diese Zahlen bekannt gegeben wurden. Oh, der Bauch hat sie enttäuscht. Keine der Zahlen war richtig, trotz allem Bauchgefühl, das meine Freundin immer wieder in den Vordergrund stellt. Das nächste Mal werde ich meinen Bauch befragen. Da wird er sein Fett abgeben. Und tatsächlich habe ich den nächsten Lottoschein nach Befragen meines Bauchgefühls ausgefüllt. Und siehe da, drei Zahlen richtig, aber das brachte nichts ein. Traurig ist das, und ich traue jetzt meinem Bauch samt Fett auch nicht mehr und habe mich mit ihm abgefunden, will ihn nicht mehr loswerden. Denn was bringt denn das? Das Bauchgefühl werde ich nie erreichen. Das Bauchgefühl, das meiner Frau immer voraussagt, was kommen könnte. Meiner Frau, denn inzwischen sind wir verheiratet und ein glückliches Paar.
Ja, doch meiner Angetrauten Bauchgefühl ruft, da dieses meist den Tatsachen entspricht, bei mir sehr oft und immer öfter nicht ungelindes Bauchgrimmen hervor ...
Und als Bonus ein weiterer DREISATZROMAN aus meiner Feder:
B A U C H G E F Ü H L
Tauch
In deinen
Weiten Bauch.
Dann steigt aus ihm
Weiss zerzauster
Bauchgefühlter
Rauch.
Der dich
Leitet richtig
Oder gar falsch
Trau ihm ganz oder
Nur halb dann folgt stets tiefer
Fall samt überlautem Bauchesknall.
Geschrieben von François Loeb, Schweizer Schriftsteller. Weitere Geschichten finden Sie auf der Archivseite >> und hier sind alle Dreisatzromane >> aufgeführt.
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