kostenlose Kurzgeschichte der Woche

Meine kostenlose Kurzgeschichte der Woche

An dieser Stelle präsentiere ich Ihnen im wöchentlichen Wechsel die (kostenlose) Kurzgeschichte der Woche, auch als Pdf-Download.

Im Archiv können Sie dann auch stöbern und "alte" Kurzgeschichten lesen und anhören.

Hier die aktuelle Kurzgeschichte der Woche (auch als Download Pdf >>) :

Der Doge

Aufgefallen ist er mir im Chat meiner Lieblings-Social-Media-Seite. Ein Mit-Social-Mediatierender mit Nick-Namen ‚DER DOGE!‘
Wohlverstanden mit einem Ausrufezeichen. Und da ich Venedig über alles schätze, ja gar liebe, habe ich ihm oder ihr eine Freundschaftsanfrage zukommen lassen, die innert Sekunden mit einem übergrossen SI beantwortet wurde. Seitdem chatte ich regelmässig mit dem oder der möglicherweise das DOGE. Heute kann alles möglich sein. Selbst, dass in vergangenen Jahrhunderten versteckte Neutronen, nein, halt, Neutrums, bereits bewusst als solche lebten. Jedenfalls verlangte mein(e) Chatpartner(in) als ihre Ansprache IHRO HOHEIT. Alles in Grossbuchstaben geschrieben.

Würde das nicht beachtet, sei das Majestätsbeleidigung, die unmittelbar und sofort von allen geadelten, bestimmt ahnungslosen, möglicherweise geahndeten DOGEN aller Jahrhunderte zu ahnden, strengstens zu bestrafen sei. Denn ich solle nicht vergessen, dass Tausende von Usern dieser Plattform trotz Verschlüsselungs-Versprechungen der Verantwortlichen in der Lage seien mitzulesen. Und Majestät Beleidigungen sei dem Ansehen, nein der Autorität seiner Herrschaft über Venedig abträglich, ja würden diese untergraben. Ich gab ohne Überlegung schnellstens mein Einverständnis, das ich mit dem Emoji der ausgestreckten drei Schwurfinger unterstrich. Kann nichts schaden, der Marotte dieses Users entgegenzukommen. So viele Menschen, männlich, weiblich und sachlich, leben ihre in der Realität des täglichen Lebens nicht auslebbaren Seelenknackse hier in diesem Chat-Medium aus. Bestimmt auch ‚DER DOGE!‘.

Spannende schriftliche Austausch-Geschichts-Gespräche folgten über Monate. Und ich muss gestehen, ‚DOGE!‘ wusste bedeutend mehr über Venedig als ich. Wie es entstand. Was sich dort in über tausend Jahren ereignete. Wie er selbst zum Dogen gewählt wurde. Grosse Künstler wurden aufgezählt, die er erwählt habe, um die Kirchen auszuschmücken. Welche Intrigen wie und wann gegen ihn gesponnen wurden waren Gesprächsstoff. Von den Bleikammern sowie der Seufzerbrücke sprach ‚DOGE!‘ und weshalb sie so benannt worden waren. Warum Werften, solche die für Kriegsziele genutzt und andere, die der zivilen Fortbewegung dienten gebaut wurden, schilderte er in plastischen Ausdrücken, sodass ich mein Venedig vor meinem inneren Auge zu meiner grossen Freude immer klarer erkennen konnte.

Vor zwei Tagen jedoch griff ‚DOGE!‘ die Eidgenossenschaft, mein Heimatland, mit rüden Worten an. Bezichtigte deren Bewohner, zu denen er mich zählte, als Hinterwäldler mit einem Brett vor dem Kopf. Da wurde ich wütend. Nannte ihn einen Rüpel. Ja, benutzte italienische Schimpfworte, die ich hier nicht wiederholen möchte und des Anstands wegen keinesfalls darf. Ich nahm an, dass meine Reaktion ‚DOGE!‘ zur Raison bringen würde. Doch nur ein schriller Pfiff, der über seine Lippen wuppte, als sei dieser ein Tornado, in dessen Mitte er sich befinde, raste nach aussen, erschütterte den gesamten Chatraum.

Sogleich fühlte ich ein straffes Seil, das meine Handgelenke auf meinen Rücken fixierte und in Wirbelseile befand ich mich in meiner so verehrten Lieblingsstadt. Wurde, ohne dass mir ein Seufzer entspringen konnte, so rasend schnell erfolgte alles, über die Seufzerbrücke in ein Bleikammer-Verlies gebracht. Musste hungern und dürsten. Empfand mein dem höchsten Gericht der Stadt Vorgeführtwerden beinahe als Erlösung.

Wurde dort der Majestätsbeleidigung schuldig gesprochen und zu lebenslanger Galeerenstrafe mit sofortigem Strafantritt verurteilt. Seitdem, ich weiss nicht einmal in welchem Jahrhundert dies begann, sitze ich im Wolkenboot und rudere dieses durch die irdische Atmosphäre.

Bitte verehrte Leserschaft, blicken sie zum Himmel hoch! Jetzt gleich! Winken sie mir zu! Schenken mir ein Lächeln! Ich werde es ihnen allen mit phantastischen Wolkenbildern vergelten. VERSPROCHEN …!


Und als Bonus ein weiterer DREISATZROMAN aus meiner Feder:

G O N D E L N

Wir gondeln allmählich
Durch unser Leben
Wellen schlagend
Die an uns nagen.

Wolken kollern auf uns
Nebel Spendend nieder
Fordern dabei ihren Zoll.

Und wir so toll
Bemerken nicht wie
Wir nach Orientierung
Kämpfend werden hohl.




Wie hat Ihnen diese Geschichte gefallen?

 
 
 
 
 
 
 
Bewerten
 
 
 
 
 
 
10 Klicks
durchschnittl. Bewertung:  4.1
1
5
4.1
 
 

Sie können einfach mit Klick/Touch auf die Sterne selber eine Bewertung abgeben.

Jeden Freitag die neueste Kurzgeschichte von François Loeb gratis erhalten




Ohrenkino

"Der Doge" als Tondokument, vorgelesen von François Loeb:







Kommentar zu dieser Kurzgeschichte:
Sie können hier Ihren Kommentar anonym abgeben.

Falls Sie eine Antwort wünschen bitte Ihre Mail Adresse einfügen.
Danke!

Herzlichst
Ihr François Loeb

Ich stimme zu, dass meine Angaben aus dem Kontaktformular zur Beantwortung meiner Anfrage erhoben und verarbeitet werden. Die Daten werden nach abgeschlossener Bearbeitung Ihrer Anfrage gelöscht. Hinweis: Sie können Ihre Einwilligung jederzeit für die Zukunft per E-Mail an francois.loeb(at)t-online.de widerrufen. Detaillierte Informationen zum Umgang mit Nutzerdaten finden Sie in der Datenschutzerklärung.




TERMINE

LESUNGEN

Termine in Planung

  •  
     

Aktuelles

Wochen­ge­schichten Archiv

François Loeb's bisherige Wochengeschichten kostenlos lesen und anhören oder wiederhören und -lesen! Aus über 100 Wochengeschichten auswählen!

zum Archiv >>

Kurzgeschichte der Woche

DER ZAHN

Empfohlen wurde mir der Zahnarzt von meiner Bekannten, die dank ihm ein strahlend weisses Beisswerk besitzt. Damit überzeugt ...

Mehr lesen >>

Neu erschienen

  • CoverMUSEUM OHNE GRENZEN
  • Neu 2021

    Museum
    Ohne Grenzen

Weitere Info >>

  • Cover Geschichten, die das Landesmuseum schrieb
  • Neu 2021

    Geschichten,
    die das Landesmuseum schrieb

Weitere Info >>