Meine kostenlose Kurzgeschichte der Woche
An dieser Stelle präsentiere ich Ihnen im wöchentlichen Wechsel die (kostenlose) Kurzgeschichte der Woche, auch als Pdf-Download.
Im Archiv können Sie dann auch stöbern und "alte" Kurzgeschichten lesen und anhören oder hier kostenlos und werbefrei erhalten >>
Hier die aktuelle Kurzgeschichte der Woche (auch als Download Pdf >>) :
Entwicklung
Kürzlich wurde ich von meinem Boss eingeladen, zu einer bestimmten Zeit in seinem Büro zu erscheinen. Ich soll mich nicht verspäten, denn er habe einen sehr schweren Tag vor sich. Also begebe ich mich fünf Minuten vor der verlangten Zeit in seine Gemächer. Die Vorzimmerdame begrüsst mich und fragt, ob ich einen Termin im Allerheiligsten des Konzerns hätte. Ich bejahe. Dann ruft sie nicht etwa die Assistentin, sondern den Assistenten, der sogleich erscheint und mich bittet, ihm zu folgen.
Ich gehe mit zitternden, ja schlotternden Knien in Richtung des Obersten Offices, der Machtzentrale unseres Unternehmens, das bereits Machtwellen in meine Richtung sendet. Wellen, die mich beinahe wegfegen. Aber ich halte stand. Gehe dann klopf- und kopflos hinein. Er sitzt hinter einem riesigen Schreibtisch, auf dem nur ein Radiergummi steht. Riesengross. Zu gross, um zu liegen. Ein mächtiger, den er wohl einmal geschenkt bekommen hat, mit dem er alle Fehler des Unternehmens ausradieren kann. Ich hoffe sehnsüchtig, nicht mich.
Mit einer ausladenden — oder einladenden — Armbewegung fordert er mich auf, mich zu setzen. Schaut mich an, lässt seine Machtwellen ruhig und gelassen ihre Wirkung auf mich entfalten. Ich hoffe, dass sie meine Position nicht END-falten. Seine Ge(h)-Zeiten spülen mich beinahe von meinem Stuhl weg und erschüttern meine Synapsen. Die Stille, wohl sein kraftvollstes Machtinstrument, setzt er jetzt ein. Sekunden. Nein, zwei Minuten muss ich das ertragen. Ohne Widerspruch erleiden. Ich glaube, in der Erde zu versinken.
Und dann, bevor dies geschieht, beginnt er mit mir zu sprechen. Sagt mir, dass er sich letztens mit meinem Abteilungsleiter ausgetauscht habe, ohne diesen auszutauschen. Ich sei vielversprechend für meine Jugend, aber doch nicht ohne Makel. Ich hätte noch etliche Entwicklungen durchzumachen, um mich im Unternehmen zu behaupten, aufzusteigen, ja möglicherweise selbst eines Tages seinen Lehnstuhl, nein, seinen Bürostuhl zu erben und in das Machtzentrum einzusitzen, nicht einzuliegen, betont er, denn sein Job sei ein schwerer, der ihn Tag und Nacht beschäftige. Vor allem aufgrund von Mitarbeitern wie mir, die Entwicklungen benötigen würden.
Mit hochrotem Kopf, ohne Antwort zu geben, stehe ich auf, verneige mich kurz nach japanischer oder chinesischer Art, und sein Assistent führt mich aus dem Machtzentrum, in das ich eingedrungen bin. Ich erreiche die Tür, die frische Luft und atme tief ein.
Na ja, Entwicklung, was soll das? Ich muss das doch vielleicht oder möglicherweise, besser beides zusammen, einem Astrologen vorlegen, der mir meine Zukunft voraussagen wird. Schaue gleich, wo der nächste Sternendeuter mit zahlreichen Googlesternen, dem ich vertrauen kann, zu Hause ist. Entdecke ein entsprechendes Büro. Astrologie — der Beruf und dessen Aussichten, nicht etwa dessen Absichten, lautet die Anschrift. Das muss es sein, wohin ich zu gehen habe. Ich befrage Maps und sehe, dass die Verbindung nicht übel aussieht. Ich könne zu Fuss mit öffentlichem Verkehr und dann noch einmal zu Fuss in dreiundfünfzig Minuten dort eintreffen.
Hm. Und wenn ich dort bin, was wird er unternehmen? Gibt er mir einen Termin? Das geht überhaupt nicht. Ich muss sofort wissen, was die Forderung zu meiner Entwicklung auslösen soll. Ich eile zum angegebenen Bus. Mein Handy stets vor Augen, dann zu Fuss, stehe schließlich vor einem großen Wohnblock. Nein, es ist ein Bürogebäude. Ich öffne die Tür und stehe sogleich in einer grossen Lobby, einem großen Vorraum. Schreite, um nicht aufzufallen, würdig hinein und werde von einer Auskunftsperson, die in einem Rondell sitzt, gefragt, wohin ich wolle. Ich gebe meinen Wunsch bekannt, den Astrologen aufzusuchen. Da antwortet man mir: „Er ist mit Terminen überlaufen. Da müssen Sie sich per Mail anmelden, sonst erhalten Sie kein Appointment.“ Aber ich muss doch sofort wissen, wie das mit meiner Entwicklung steht. Also mogele ich mich wie in meinem Unternehmen bei der Lösung von Problemen durch, überspringe eine Eingangshürde, die sonst nur mit einer gesicherten Zugangskarte zu öffnen ist, nehme den Aufzug in den siebenundzwanzigsten Stock, in dem meine Zukunft ihr Office unterhält.
Die Tür öffnet sich wie von Geisterhand, oder hat meine Zukunft diese in die Hand genommen? Ich sehe eine Menschenmenge. Alle sehr nervös und wartend. Schlängele mich durch. Ich bin sehr schlank und beherrsche dies sehr gut, wie ich das mit allen verschiedenen Hürden in unserer Firma auch immer zuwege bringe. Erreiche nun das wirklich entstehende oder bereits bestehende Machtzentrum der Astrologie.
Werde von einem Roboter, der von Künstlicher Intelligenz gesteuert ist, nach meinem Geburtsdatum, Geburtszeit, Geburtsort gefragt. Genau soll ich das beschreiben, denn sonst könne man mir nicht helfen. Ja, unter welchem Aszendenten oder Transzendenten bin ich geboren? Gebe an, was ich weiss. So genau, wie es mir möglich ist.
Da öffnet sich eine Tür. Trotz der Menge werde ich vorgelassen und eine Dame sitzt in einem riesigen, mit Sternen verzierten Fauteuil vor einer mächtigen Kristallkugel, schaut mir ins Gesicht und betont mit Fistelstimme:
„Also, Sie müssen eine Entwicklung machen, damit Sie weiterkommen. Aber ich sage Ihnen, es ist gar nicht so kompliziert wie es ausschaut. Sie müssen bei der Forderung nach Entwicklung nur das T durch ein D ersetzen, eine Endwicklung, und dann werden Sie sehen, dass all Ihre Gedanken, Ihre Hirngespinste entwickelt werden. Immer schneller, immer schneller. So wie in einem Fotolabor die Schwarz-Weiß-Bilder langsam entstehen, wenn es ganz dunkel ist. Eine Entwicklung zur Endwicklung. „Ja, das Ende steht uns allen bevor“, flüstert jetzt die Dame, „ob wir es wollen oder nicht. Das ist zu akzeptieren.“
Und als Bonus ein weiterer DREISATZROMAN aus meiner Feder:
E N T W I C K L U N G
Entwicklung
Entwickelt sich
Mit Geschwindigkeit
Des unheimlich rasend Lichts.
Heimlich lautlos auf
Samtespfoten der
Endwicklung
Leise zu.
Verwickelt
Alsdann alles
Klar und ultraleicht
Entwickelt zerstückelt eilt
Endlich dem weisen Ende zu.
Geschrieben von François Loeb, Schweizer Schriftsteller. Weitere Geschichten finden Sie auf der Archivseite >> und hier sind alle Dreisatzromane >> aufgeführt.
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