Meine kostenlose Kurzgeschichte der Woche
An dieser Stelle präsentiere ich Ihnen im wöchentlichen Wechsel die (kostenlose) Kurzgeschichte der Woche, auch als Pdf-Download.
Im Archiv können Sie dann auch stöbern und "alte" Kurzgeschichten lesen und anhören oder hier kostenlos und werbefrei erhalten >>
Hier die aktuelle Kurzgeschichte der Woche (auch als Download Pdf >>) :
Das große Festessen der Passwörter
Ein festlich gedeckter Tisch. Goldbesteck, obwohl das Gold auch nicht mehr das ist, was es früher war. Silber noch weniger. Also trotzdem Gold, doch nur in festlich gedeckten, zum Platinteller passenden Tischgedecken. Diese klingen so herrlich, wenn sich die Gabel darauf unwohl wälzt, da sie nichts zum Speisen erhält, hungrig bleibt, da ein goldenes Nichts zum Aufspiessen fehlt. Denn Passwörter aufspiessen, das ist doch reine Fantasie. Doch der heisse und gleichzeitig eiskalte Hunger des Passwortfressers ist unersättlich. Kaum vorstellbar, wie sich das immer stärker erweist. Denn Passwörter sind lebenswichtig. Überall werden sie eingefordert. Und diese zu vergessen, schließt vom Leben aus, vom digitalen Leben, von den Informationen, von Banken und Überweisungen, von Bahnfahrten oder Flügen, und von Ferienaufenthalten, die nicht mehr möglich sind ohne das passende Passwort. Passend wie ein Massanzug.
Das festliche Mahl der Passwörter muss genug Passwörter vorgesetzt bekommen, ansonsten der digitale Absturz droht. Ich selbst bin, so sehr mich das schmerzt, ein Lieferant, sodass die Passwortfestessenswelt voll auf das Festmahl zählen kann. Zu meinem Leidwesen, muss ich ton- und trostlos betonen. Und dennoch bleibt ein klitzekleines gutes Gefühl zurück, dass ich dem Passwortfresser, oder nennen wir ihn anstandshalber den Passwortesser, denn auch er hat seine positiven Seiten. Denn wenn ich Material liefern kann als eine von vielen, von zahlreichen, von Millionen, die alle klingen und klangen, über Verluste klagen, da es für jedes Passwort, das verloren geht, das nicht mehr präsent ist, das sich in der Gegenwart nicht mehr zeigen will, für jedes dieser ins Nirwana abgewanderten Passwörter ein Kling, Klang, Kling, Klang gibt. Ein Glöckchen, das dann ertönt. Ja, das Essen an der grossen Festtafel beginnt. Oder besser gesagt, das große Fressen. Nicht der Film von Fellini. Nein, es ist vielmehr ein digitales Vorgehen, das sich dabei abspielt. Zwar kann überall, um Ersatz zu finden, ein Link angeklickt werden. "Passwort vergessen?" Ja, ja. Und dann kommt die Aufforderung, dort die benutzte E-Mail einzutragen. Wenn ich noch wüsste, welche ich damals eingesetzt habe. Und gleich erscheint herrlich digital aufgebüschelt: „Wir senden Ihnen den Zurücksetzungslink für ein neues Passwort an Ihr E-Mail-Postfach, falls dieses bei uns registriert ist. Und wie so oft: Keine Mail erscheint. Selbst als ich den Spamordner permanent zu überwachen suche. Also, falsche E-Mail eingegeben? Ich übe Minuten, nein, stundenlang, beinahe einen ganzen Tag, auch mit dem Banken-Passwort, das niemals ungedeckt aufgedeckt werden darf. Doch in meiner grossen Not benutze ich es, denn ich muss Eingang finden in mein digitales Fach, obwohl ich kein digitales Wesen, sondern eines aus Fleisch und Blut bin. Und das Banken-Mailfach benötige, um digitalisiert zu leben. Auch da, beim Bank-Geldtropfhahn erscheint die immer gleiche Fehlermeldung. FALSCHES PASSWORT. Vernehme bereits das genüssliche Schmatzen, das von der Festtafel mein linkes Ohr zum Erzittern bringt.
Wie also vorgehen? Wie soll ich ohne Passwort Überweisungen durchführen können? Bereits jetzt trudeln mehr als einmal Mahnungen in mein Postfach und an meine Postadresse ein. Erste Mahnung, zweite Mahnung, letzte Mahnung und gleich immer wieder Aufschläge nur eines Passworts wegen. Und im Passworthimmel, da feiern die Passwörter gemeinsam ein unbändiges Fest, ein Megaevent. Denn schon die Vorspeise, die Passwortflädlesuppe, verschlingt Unmengen von verlorenen Passwörtern, dann das Passwortgeschnetzelte mit Passwort-Fritten oder Passwort-Bio-Süßkartoffeln. Alles in einem Topf gebraten und gesotten. Klar, Passwörter sind nicht vegan. Also muss ein Grill her. Ein immenser Grill, der die Passwörter gar schmort und nicht berät, sondern medial brät. Auch alle meine entflogenen Passwörter werden dort gegrillt. Schwarzer Rauch steigt auf. Ich greife mir an den Kopf, an die Stirn, an die Ohren. Ich kann nicht mehr ertragen, was da geschieht. Alle meine Passwörter verschwinden und ich bin nackt. Kein Passwortkleid mehr, keine Passwortgarderobe. Wie soll ich da weiterarbeiten, ja weiter digital existieren können? Kein Passwort mehr ... Ist das der digitale Tod? Denn alle meine so akribisch erstellten Passwörter befinden sich jetzt auf den Tellern der Passwortfresser, die es sich lauthals schmecken lassen.
Wer kann mir helfen? Welche Leserin, welcher Leser kann mir aus der Patsche helfen? Wird mir Passwörter zusenden können, denen ich digitale Fussfesseln anlegen werde, um diese nie mehr zu vergessen! Meine Garantie: ich werde mich revanchieren. Mit Passwörtern, die ich dann auf dem Altar der Passwortanbeter erneut zu opfern bereit bin. Mit Leidenschaft. Ganz ohne dabei an Entzugserscheinungen zu leiden. Es sollen nur nicht meine neuen geschenkten Passwörter sein.
Ja, ja. Dann wird es mir und allen leidenschaftlich Mitleidenden besser gehen. Ich werde dann in der digitalen Morgenfrische frisch und frank wiedergeboren in meiner vielversprechenden Passwortzukunft auferstehen können. Mich darüber nicht nur freuen, sondern jubilieren! Was für Zukunftsperspektiven, bestimmt ohne jede neue Passwortflut.
Am Festessen der Passwortzunft wird es trotzdem festlich weitergehen, denn das Vergessen ist menschlich. Doch ich selbst werde immun sein, nicht mehr anfällig, denn ein digitales Lernprogramm, das ich soeben erworben habe, wird mir helfen, die Passwortvergesslichkeit zu überwinden.
So tanze ich flugs einbeinig hüpfend in LE FUTURE PARTICIPATIV, DIESE NEUE ZUKUNFTSFORM. ÖFFNE DIE ENTSPRECHENDE WEBSITE, DIE MICH IN DIE UNVERGESSLICHKEIT FÜHREN, MICH AN DER HAND DORT HIN GELEITEN WIRD. FOLLOW ME!
Da, ein Popup: BITTE GEBEN SIE IHR PASSWORT EIN!
Wie lautet es? Sehe, wie dieses sich in die Luft erhebt. Unleserlich, angelockt vom Platinteller der Passwortfestessensgemeinde, unwiederruflich und widerruflich, in den weit geöffneten Rachen des Passwortfressers entfleucht …
Und als Bonus ein weiterer DREISATZROMAN aus meiner Feder:
P A S S
Passwort
Im grossen
Eckigrunden Fass.
Verschwunden
Entwunden
Den ewig
Runden.
Ein Blinken
Mit linker Wimper
In Ewigkeit entschwunden.
Geschrieben von François Loeb, Schweizer Schriftsteller. Weitere Geschichten finden Sie auf der Archivseite >> und hier sind alle Dreisatzromane >> aufgeführt.
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