kostenlose Kurzgeschichte der Woche

Meine kostenlose Kurzgeschichte der Woche

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Forelle Blau

Ich spazierte gemütlich mit meinem Paten, mit dem Götti, über den alten, steinigen Pfad. Heiss brannte die Sonne. Durst kam auf und ich bewunderte ihn, meinen Paten, wie er trotz seines Alters über die Steine stieg, ja, gar kleine Kletterpartien unternahm, die mit Drahtseilen abgesichert waren. Selbst ich hatte dort Mühe, denn ich bin nicht schwindelfrei.

Doch der Aufstieg hatte sich gelohnt. Ein wunderbarer blauer See blickte mir entgegen, leicht gekräuselt durch den Alpenwind und klar bis auf den Grund. Man konnte die Fische erkennen, die fröhlich im kalten Wasser umherschossen. Kein Mensch wagte sich in das eisige Wasser.

Viel zu kalt, bemerkte mein Pate. Fügte an, dass auch ich es nicht wagen solle, denn es seien doch schon einige Alpinisten und auch Jugendliche, übermütige Jugendliche, in diesem See ertrunken. Erbärmlich durch die Kälte einem Herzstillstand zum Opfer gefallen und dann Blubb, Blubb, blubb einfach auf den Boden des Sees, der unendlich tief sei, abgesunken. Denn die Gletscher hätten dort über Jahrmillionen gegraben. Deshalb sei dieser See so tief und im tiefen Grund unerforscht. Stockdunkel sei es ganz unten. Mammutgrosse Flossen müsste ein Ultramutiger haben, um das kalte Wasser zu erforschen. Also Flossen, nicht solche, die man kaufen könne, nein, nein, sondern am Körper angewachsene. Und das hätten die Vorfahren der Menschen vor Jahrmillionen, als sie noch im Wasser lebten, auch gehabt, belehrte mich mein Pate.

Ich soll mich also vorsichtig verhalten, ja nicht zu nahe ans Ufer treten, denn da könnte plötzlich der Boden nachgeben und ein Absturz ins Bodenlose erfolgen. Ich solle doch den Fischen zuschauen, diesen wunderbaren Forellen, Lachsforellen, gepunkteten Lachsforellen.

Er habe einen Angelausweis erworben. Er dürfe hier und jetzt auch seine Angel auswerfen und er begann, seinen Rucksack zu leeren und tatsächlich, eine Angelrute kam zum Vorschein. Eine Angelrute mit Fliegen, die er separat in einem kleinen Schächtelchen hervorzog und bemerkte, dass die Forellen am liebsten Fliegen fressen würden. Und er werfe seine Kunstfliegen aus und verwandle durch gekonnte Hüpfer, dass diese künstlichen Fliegen so aussehen wie natürliche. Er sei überzeugt, dass bestimmt irgendwann eine Forelle anbeisse. Sei dies nicht der Fall, bedeute dies keine Katastrophe, wenn solches auch beinahe undenkbar sei. Um einen absolut sicheren Fang an Land zu ziehen, hätten wir bedeutend früher am Morgen am See sein müssen oder abends spät beim Einnachten, bemerkte er. Abends aber, da würden wir aus Sicherheitsgründen bereits wieder abgestiegen sein.

Doch als Trost im Falle des unwahrscheinlichen Falles des Anglermisserfolgs, gebe es eine Alpwirtschaft, die Forelle blau anbiete. Eine Spezialität des Wirte-Ehepaars, die ich dann geniessen könne. Ich war gespannt. Mein Pate warf die Angel oder besser gesagt, die Fliege aus und liess diese gekonnt übers Wasser hüpfen. Nichts geschah. Keine Forelle interessierte sich für des Paten Fliegendoubles.

Ich war dann doch enttäuscht, denn ich hatte gehofft, dass er einen dicken Fisch an den Haken bekomme, mit dem wir uns dann zu Hause Forelle blau richtig gut schmecken lassen könnten. Aber ich tröstete mich mit dem Gedanken der Alpwirtschaft, in der wir uns dann derselben Freude hingeben konnten, den Gaumen damit richtig verwöhnen zu können.

Nun, kein einziger Biss. So packte mein Pate seine Sachen zusammen und sagte: „Komm, wir gehen zur Alpwirtschaft und werden uns dort unsere vom Koch der Hütte selbst zubereitete Forelle blau schmecken lassen.“ Ich sah meinen Paten mit grossen Augen an. Eine Frage beschäftigte mich bereits den ganzen Tag: Hatte mein Pate keine Forelle gefangen, weil heute Montag war und Montag doch der Tag ist, an dem man blau macht? Blau machen, frei machen. Wie sollte, wenn sie blau feierten, eine Forelle anbeissen?

Mir schwante Böses, denn ich dachte, in der Alpwirtschaft werden wir auch keine Forelle bekommen. Auch keine Forelle blau, weil heute Montag ist und Forellen montags blau feiern und sich nicht in eine Bratpfanne oder in einen Wassersud werfen lassen.

Und siehe da, an der Wirtshaustür stand in grossen Lettern: „Montag, Wirte-Sonntag.“ Also hat der Wirt in Einheit mit den Forellen, mit den Fischen, blau gemacht und die Forelle blau rückte für mich und meinen Gaumen in den strahlend blauen Himmel …



Und als Bonus ein weiterer DREISATZROMAN aus meiner Feder:

L A N D E N

Wo nur werde
Ich einst sicher landen
In fremden wirtlich oder
Gar unwegsamen Landen.

Alle Wege führen
Unweigerlich
Dorthin.

Weder hin
Noch Weder
Für alle lebend
Auch blühend Wesen.



Geschrieben von François Loeb, Schweizer Schriftsteller. Weitere Geschichten finden Sie auf der Archivseite >> und hier sind alle Dreisatzromane >> aufgeführt.


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"Forelle Blau" als Tondokument, vorgelesen von François Loeb:







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