kostenlose Kurzgeschichte der Woche

Meine kostenlose Kurzgeschichte der Woche

An dieser Stelle präsentiere ich Ihnen im wöchentlichen Wechsel die (kostenlose) Kurzgeschichte der Woche, auch als Pdf-Download.

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Hier die aktuelle Kurzgeschichte der Woche (auch als Download Pdf  >>) :

GEDANKENGÄNGE

Er zitterte immer an beiden Händen, wenn er mit mir sprach. Ich konnte es nicht unterlassen, auf diese zu schauen, obwohl ich wusste, dass dies unhöflich, ja unmöglich war, ihn verletzen musste. Doch die Hände hatten Magnetkraft auf meine Pupillen. Ich wollte ihm in die Augen sehen, doch dies gelang mir nicht. Oder hatte er Augen in den Handflächen? Jedenfalls versuchten meine Gedanken dieses Konstrukt aufzubauen, um mich zu exkulpieren. Vor mir selbst zu entschulden. Vor meiner Erziehung. Meinem Gebaren. Was war nur mit Hans los? Tremor? Alkoholsucht? Oder Schlimmeres. Nahm mir vor, ihn zu befragen. Anzusprechen. Offen und handfest auf seine Hände sprechen zu kommen. Ehrlich zu sein. Meine Neugier offen zu legen. Ohne zu erröten. Mich zu schämen. Doch jedes Mal, wenn ich es mir vornahm, verliess mich kurz vor dem Ziel der Mut. Mutlos blickten dann meine Augensterne auf diese zitternden Hände, die Hans durch Händefalten und -halten zur Vernunft, zu Normalverhalten zwingen wollte.
Doch an diesem Silvesterabend, wir hatten uns zu einem Jahresausklang-Aperitif verabredet, hatte ich mir selbst geschworen, heute die Sache ein für alle Mal aus der Welt zu schaffen, nicht ins neue Jahr zu schieben und mich dadurch einmal mehr bereits zu Beginn des unschuldigen Jahres durch mein ungehobeltes, unausstehliches Verhalten in neue Schuld zu begeben. Also versuchte ich meinen Blick mit dem Mastwurfknoten an seine Augen zu binden, was mir zu meinem Erstaunen auch gelang.
„Darf ich Dich etwas fragen“, begann ich meine heikle Mission.
„Nur zu!“, ermunterte mich Hans.
„Deine Hände, weshalb zittern die seit Jahren, wenn wir uns treffen?“ Jetzt war der Schuss draussen und meine Worte schienen ähnlich Tells-Apfelschuss zu wirken. In den tiefen Tiefen seiner beinahe schwarzen Augenmeere, seines Augenhintergrundes begann ein heftiges Gewitter zu toben. Blitze leuchten auf. Wellenschlag war zu erkennen, der über seine Pupillen schwappte. Diese zeitweise in Gischt-Schleier zu hüllen, dann Feuerschein in diesen aufleuchten zu lassen, als würde ein Vulkan eruptieren.
Und da begann er mit heiserer Stimme, die in der Ton- und Vibrationslage gar nicht zu ihm passen wollte, eher in einem fernen Sternennebel beheimatet schien, zu sprechen:

„Du musst wissen, ich bin Mineur. Halte seit Jahren den Presslufthammer in den Händen. Bohre Tag und Nacht Gedankengänge in meinem Hirn. Suche zu ergründen weshalb wir leben, was der Sinn des Lebens darstellt. Hinterfrage. Bohre immer tiefer. Und erhalte keine Antwort. Gedankengänge sind unendlich und auf die Unendlichkeit gibt es trotz aller Gedankengänge aller Lebewesen keine Antwort, sodass ich lebenslang weitere Gänge zu bohren habe …“




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