Meine kostenlose Kurzgeschichte der Woche
An dieser Stelle präsentiere ich Ihnen im wöchentlichen Wechsel die (kostenlose) Kurzgeschichte der Woche, auch als Pdf-Download.
Im Archiv können Sie dann auch stöbern und "alte" Kurzgeschichten lesen und anhören oder hier kostenlos und werbefrei erhalten >>
Hier die aktuelle Kurzgeschichte der Woche (auch als Download Pdf >>) :
Grossmutters Lehnstuhl
Am Strassenrand steht er, der rot-rosa gepolsterte Lehnstuhl. Ich schreite munteren Schrittes daran vorbei. Habe ganz andere Gedanken im Kopf. Bereite mich auf die kommende Radiosendung vor, an der ich als Rundenteilnehmer im Studio live dabei sein darf. Thema: die prägendste Erinnerung an deine frühe Kindheit/Jugend. Was nur soll ich erzählen? Vom Murmelspiel oder vom Nachbarn, der mich verwöhnte, Schokolade unter dem Zaum durchschob, obwohl die Eltern dies aus hygienischen Gründen gar nicht gern sahen, es sogar explizit verboten hatten. Doch Verbote zu überschreiten, hier gar zu unterschreiten, denn ich musste durch die Hecke robben, um zum Ziel meiner süssen Wünsche oder gar Gelüste zu gelangen, stellt eine Form frühkindlicher Selbständigkeit und Auflehnung gegen die Obrigkeit, ein Überschreiten der Weltordnung dar, die zum Erwachsenenwerden gehört, wie das Ei zum Huhn. Doch ehrlich gesagt, nach dreimaligem Herumwälzen dieses Gedankens, des Indieluftwerfens als sei dieser ein Pizzateig, verwerfe ich diesen meinen eigenen Vorschlag. Schreite rat- und tatlos weiter. Unangenehm wird das. Gar peinlich. Soll ich zum Rückzug blasen? Den Termin kurzfristig aus Gesundheitsgründen canceln? Doch die Vernunft obsiegt. Ich kann meine Karriere als gut bezahlter Hör- und Sehfunkgast nicht aufs Spiel setzen. Also weitersuchen. Da ein Gedankenblitz, der mich blendet. War der am Strassenrand stehende Lehnstuhl nicht ein Zeichen des Schicksals? Rechtsumkehrt! Der Lehnstuhl ist, so denke ich, zum Verschenken bestimmt. Weshalb ähnelt er so stark jenem meiner Grossmutter, einer begnadeten Märchenerzählerin? Sind es ihre Gene, die mir meinen Bezahl-Job ermöglichen, mir meinen Lebensunterhalt sichern? Auf der Höhe des Gedanken-Corpus-Delicti mache ich Linksumkehrt, schultere den schweren Stuhl. Fädle meine Arme in die Holzlehnen. Uff, der hat ein erkleckliches Eigengewicht. Bin gleich schweissgebadet. Nicht optimal für einen Auftritt. Doch was solls? Grossmutter hat das verdient. Als Dank für die Weitergabe ihrer Erzählstärke. Keuchend, ja hechelnd treffe ich im Rundfunkgebäude ein. Nehme den Aufzug. Die Treppen in den sechsten Stock, die ich jeweils aus Fitnessgründen, meinem Schmerbauch zuliebe nehme, würde ich nicht mehr schaffen. Nach einer gefühlten Ewigkeit ertönt endlich das so ersehnte Klingelzeichen des Lifts.
Muss mächtig zirkeln, um mich selbst samt Lehnstuhl in den Kabinenraum zu winden. Wo nur liegt die Steuergewalt der Aufzugsgüte? Erblicke diese dort, wo sich jetzt die Rücklehne meines Grossmuttersitzes befindet. Wie diese Knöpfe erreichen? Versuche es, indem ich mich mit beiden Knien, als sei ich ein kleines Kind, auf die Sitzfläche kniee. Höre dabei in meinem Inneren Grossmutters Stimme, die mir das Märchen von Hans im Glück erzählt. Was hat sie doch für eine wunderbare Stimme. Ich verfalle ins glückliche kindliche Zuhören. Was für ein Glück, auch wenn mein Vorname keinesfalls Hans lautet. Weshalb haben meine Eltern mir diesen nicht geschenkt? Ich hadere nur kurz. Der so einnehmende Singsang meiner Grossmutter versöhnt mich sogleich wieder. Ich versuche weiter, den mit einer goldenen Sechs ausgestatteten, hell leuchtenden Knopf zu erreichen, was mir durch das Lehnstuhlhindernis einfach nicht gelingen will. Da, der Aufzug setzt sich wie von Zauberhand in Bewegung. Hält. Wütende Stimmen verlangen Zutritt. Schimpfen lauthals über den unerlaubten, verbotenen Möbeltransport. Drohen mit Anzeige beim Hausmeister. Ein Blick auf meine Uhr verrät, dass die Sendung mit einem leeren Lehnstuhl, der für mich gedacht ist, bereits begonnen haben muss. Und da, kaum zu glauben, hält der Aufzug. Nicht im sechsten Stock, nein, dort ist er durchgesaust, sondern im siebten. Die Aufzugstür öffnet sich, die Stimme meiner Grossmutter in meinem Inneren fährt fort: „Und da ist Hans, als er nichts mehr besass, im Siebten Himmel angekommen, keinerlei Last bedrückt ihn mehr …
Und als Bonus ein weiterer DREISATZROMAN aus meiner Feder:
KLACKERNDES GLÜCK
Der Stieglitz
Stibitzt mir mein
Hart erworbenen
Klitzekleinen Besitz
Klingklang singt
Dieser tönern
Ganz hohl
Vor sich
Leise
Hin.
Wohl wohl
Fühlt sich an
Wie ein Blühend
Fakig Blumenkohl!
Geschrieben von François Loeb, Schweizer Schriftsteller. Weitere Geschichten finden Sie auf der Archivseite >> und hier sind alle Dreisatzromane >> aufgeführt.
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