kostenlose Kurzgeschichte der Woche

Meine kostenlose Kurzgeschichte der Woche

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Hier die aktuelle Kurzgeschichte der Woche (auch als Download Pdf >>) :

Das Horrorskop

Meine Grosstante wohnt in einem Heim, und ich besuche sie jeden Samstag, bevor ich auf dem Wochenmarkt meine Einkäufe erledige. Bio selbstverständlich. Direkt vom Bauern. Vom Störmetzger. Klar, ich folge jedem Trend, der unserer Erde zugutekommt. Denn schliesslich und nicht endlich wohne ich auf diesem Planeten, der mir Gutes tut, und das verpflichtet mich, dasselbe an ihn zurückzugeben, obwohl er keine Mail Adresse besitzt und ich deshalb weder ein Date mit ihm vereinbaren noch ihn erreichen kann. Somit orientiere ich mich getreu dem Sprichwort: Gutes mit Gutem vergelten! Dasselbe gilt für meine Grosstante. Was freut sie sich jede Woche auf mich, und verschlafe ich an einem Samstagmorgen, ist das mein gutes Recht, denke ich, bei einem so aufreibenden Beruf einer Börsenmaklerin, von der verlangt wird, weit in die Zukunft zu blicken und keine Empfehlungsfehler zu verbrechen. Schliesslich und ganz unendlich zählt meine Kundschaft auf mein Bauch- und manchmal auf mein Brustgefühl, die innere Überzeugung, ganz ohne jeden Zeugen. Die Wahrheit kommt in meinem Beruf, wenn auch meist arg zeitverzögert, stets ans Börsenlicht, und nicht nur dort, nein, an das Geldbörsenlicht, das meiner Erfahrung nach heller leuchtet als das Sonnenlicht, blendet, doch leider nicht die Fähigkeit besitzt, auszublenden. Doch mit all dem Börsenkram kann meine Grosstante nichts anfangen, streicht mir das auch stets unter meine, ich gebe zu, neugierige Nase, wobei die Gier dabei grösser ist als das Neue. Auf die Folter will ich niemanden spannen. Bestimmt nicht. Und tatsächlich hat sich weder die Zeit noch meine Grosstante je geirrt! 

Bei den Besuchen im Heim, wobei ich meine Verwandte nicht unglücklich vorfand. Dort will ich niemals landen, meinen Lebensabend verbringen, den ich mir dort als Lebensnacht vorstelle. Kaum betrete ich das hübsch gestaltete Zimmer meiner Grosstante, immerhin das, denke ich jedes Mal, kommt sie auf mich zu, umarmt mich herzlichst, blickt mich fordernd an, schaut dabei begehrlich auf meine Einkaufstasche, aus der ein Zipfel der Illustrierten der vergangenen Woche neugierig Ausschau hält. Viel zu anständig, nach alter Manier erzogen, wagt sie es nie, mir die Wochenzeitung aus der Tasche zu zerren, obwohl jede Faser ihres Körpers sich danach sehnt. Nun, ich bin noch nicht grausam, das werde ich wohl erst im fortgeschrittenen Alter werden, wenn ich bereits die Arme, nein, die Armee des Gevatters fühlen werde, mich mit Hauen und Stechen davon zu befreien suche. Ich übergebe der Tante das Blatt, das sie mit Vehemenz an sich reisst und sogleich die Seite mit dem Horrorskop, wie sie es nennt, aufschlägt und mit grosser Geste die Lesebrille, die mir in dezentem Rot entgegenblickt, aufsetzt, um mir dann mein Wochenhorrorskop an den Kopf zu werfen, das von den die Erde feucht fröhlich umkreisenden, dabei laut kreischenden Satelliten exakt erstellt worden sei und deshalb so genau eintreffen werde, ohne ein Jota Abweichung. Das garantiere sie mir nicht nur schriftlich in dieser Zeitschrift, sondern auch mündlich! Und tatsächlich immer traf und trifft die Voraussage zu hundert Prozent ein, ob ich es glauben will oder nicht. Das Horrorskop laute stets wortwörtlich gleich:

"Du wirst jeden Tag um vierundzwanzig Stunden älter" ...



Und als Bonus ein weiterer DREISATZROMAN aus meiner Feder:

TAG FÜR TAG

Statt
Jünger
Werd ich
Täglich älter.

Obwohl mein
Körper wird
Nie kälter.

Ein Ende
Ohne Schreck
Mich hoffentlich
Dann neckend weckt.



Geschrieben von François Loeb, Schweizer Schriftsteller. Weitere Geschichten finden Sie auf der Archivseite >> und hier sind alle Dreisatzromane >> aufgeführt.


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"Das Horrorskop" als Tondokument, vorgelesen von François Loeb:







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