Meine kostenlose Kurzgeschichte der Woche
An dieser Stelle präsentiere ich Ihnen im wöchentlichen Wechsel die (kostenlose) Kurzgeschichte der Woche, auch als Pdf-Download.
Im Archiv können Sie dann auch stöbern und "alte" Kurzgeschichten lesen und anhören oder hier kostenlos und werbefrei erhalten >>
Hier die aktuelle Kurzgeschichte der Woche (auch als Download Pdf >>) :
Der Laternenpfahl
Dunkel ist es bereits.
Nebel hängt über unserem Dorf.
Da kommt mir ein Satz meiner Urgrossmutter in den Sinn, schwirrt als sei es eine Motte, die dem Licht zustrebt, in meinem Kopf herum. Meine Urgroßmutter bemerkte jeweils bei solcher Wetterlage: ´Da siehst du deine eigene Hand nicht vor deinem Auge.´ Und tatsächlich ist es heute in der Abenddämmerung genau so, wie sie es beschrieb. Einige Male hebe ich meine Hand, die den Brief festhält, den ich zur Post trage, damit er noch heute seine Reise antreten kann, und erblicke weder Brief noch Hand. Gelblich leuchten die Strassenlaternen, ohne je den Grund zu erreichen. Sie müssen neben den langen Stangen von Enttäuschung über ihren verlorenen Sinn, alles auszuleuchten, geplagt sein. Nun, denke ich, das ist das Problem der Laternen, kann die mir nicht auch noch aufladen, habe genug an den meinen zu kauen, was dieser Kündigungsbrief an meinen Vermieter zur Genüge beweist. Kann ganz schlicht die Wohnungsmiete nicht mehr tragen, zu klein ist mein Verdienst. Weiss nicht, wie meine Zukunft aussehen wird. Im Schlafsack in einer Nische unter den Arkaden? Muss vor der Leerung des Kastens dort sein, und diese erfolgt mit postalischer Genauigkeit in exakt sieben Minuten, wie ein Blick auf meine Uhr, die ich des Nebels wegen kaum erkennen kann, aufzeigt.
Muss mich sputen. Übersehe einen Laternenpfahl, dem die Helligkeit ob seines Schicksals abhandengekommen ist. Stosse heftig mit ihm zusammen. Ein Stuber meiner Zukunft? Greife an mein Riechorgan. Es blutet. Hoffe, dass der Brief nichts abbekommen hat. Wäre ja noch schöner, wenn mein Vermieter vermuten könnte, dass es Herzbluttropfen sind. Das würde, wie ich aus zahlreichen Briefwechseln mit ihm gelernt habe, sein Herz nicht aufzuweichen in der Lage sein. Beim Zusammenstoss leuchtet es in meinem linken Auge weiss auf. Was war das wohl? Keine Zeit, die wenigen Schritte zurück zu gehen. Mich schlau zu machen. Nicht einen weiteren Monat Brieftaschen-Leerung riskieren, wenn die vermaledeite Postkasten-Leerung verpasst würde. Also, munter und schneller, ein Taschentuch an die blutenden Nasenlöcher haltend weitermarschieren. Genug Zeit, beim Heimweg die Weiss-Erfahrung am Laternenpfahl nachzuholen, mich dabei, wer weiss, weise machen zu können. Da, der Kasten sollte doch hier stehen. Er ist, wie könnte es anders sein, vom Nebel verschluckt. Doch meine Ahnungsader hilft. Ich ertaste ihn. Werfe den Brief ein. Ein Wunder, dass ich den Schlitz getroffen habe bei der undurchsichtigen Sicht. Höre das Brummen eines Motors. Schritte. Auch der Postbeamte tastet sich zu seiner Pflicht. Beamten-Treue, denke ich. Mein Brief also in guten Händen. Treuhänderisch im wahrsten Sinne.
Rückweg antreten. Lege den Kopf in den Nacken. Das Blut verkrustet trotz Blutverdünner, den ich morgens jeweils auf kassenärztlichen Begehr einnehmen muss. Verflixt, welche Laterne war es? Welche kann ich anklagen? Mich beklagen? Bei der Gemeinde Schmerzensgeld einfordern, da die Strassenleuchte mir im Wege stand. Der verflixte Nebel macht die Suche schwierig. Dreimal laufe ich die Strecke ab, zu wichtig ist die Angelegenheit, denn ohne Beweis des im Wegestehens keine staatliche Entschädigung. Glücklicherweise lichtet sich der Nebel etwas, und tatsächlich am siebten Laternenpfahl leuchtet jetzt ein weisser Zettel. Ich nähere mich, setze die Brille auf mein lädiertes Riechorgan und lese:
»Ab Anfang des kommenden Monats besteht auch für Fussgänger Vignettenpflicht. Die Vignette ist im Gemeindesekretariat gegen eine zu hinterlegende Kaution von 100 Gulden zu beziehen, fein säuberlich mit Namen, Anschrift, Grösse in cm, sowie Gewicht in Kg und Gramm zu beschriften und beim Begehen der Gehwege sichtbar auf der Nase zu tragen. Bei Nichtbefolgung droht eine Busse von 50 Gulden, im Wiederholungsfall 100.«
Ein Schreck durchfährt meine Glieder, wie soll ich nur die Summe aufbringen? Und was, wenn ich nicht mehr ins Dorf gehen kann, denn in einem Postskriptum des Laternenzettels steht, dass die Vignette nicht einzig auf Gehwegen zu tragen sei, nein, auch auf der Strasse. Das einzig Tröstliche ist ein weiteres noch kleiner geschriebenes PS, dass die Gemeinde einen seriösen Vignetten-Kontrolleur bei guter Bezahlung sucht.
Da, denke ich, liegt meine Zukunft, und bestimmt muss diese seriöse Aufsichtsperson keine Gehweg-Vignette tragen und ich werde somit um diese Pflicht herumkommen!
Und als Bonus ein weiterer DREISATZROMAN aus meiner Feder:
L I C H T
Verschenken wir
Licht an Menschen
Die im Dunkel weilen.
Helle Sonnenstrahlen
Für das Gemüt
Zuversicht
Und Mut.
Sternenstaub
Werden wir dadurch
Uns hell erleuchtend ernten.
Geschrieben von François Loeb, Schweizer Schriftsteller. Weitere Geschichten finden Sie auf der Archivseite >> und hier sind alle Dreisatzromane >> aufgeführt.
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