Meine kostenlose Kurzgeschichte der Woche
An dieser Stelle präsentiere ich Ihnen im wöchentlichen Wechsel die (kostenlose) Kurzgeschichte der Woche, auch als Pdf-Download.
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Hier die aktuelle Kurzgeschichte der Woche (auch als Download Pdf >>) :
Rückwärts
Bereits mein Vater, vermutlich auch mein Grossvater und der Urgrossvater hatten Mühe mit der Gegenwart. Mein Vater behauptete stets, er verstehe die Jungen nicht mehr. Ja, nicht nur die Jungen, sondern die Welt, in der er lebe.
Ich lachte jeweils darüber, denn wie kann man behaupten, dass man die Zeit, die Jugend nicht verstehe, alles nicht verstehe. Eine schreckliche Situation, dachte ich mir damals, als mein Vater immer wieder diesen Satz des Nichtverstehens wiederholte.
Ich bin jetzt auch schon etwas ins höhere Alter gerutscht, ganz ohne jede Absicht! Letzthin, als mein Sohn in den mitternächtlichen Ausgang aufbrach und ich ihn betrachtete, da sah ich, dass er sich am selben Nachmittag ein Tattoo hatte stechen lassen. Ein Tattoo in Form eines fauchenden Drachen. Wie kann man nur seine Haut so verschandeln, dachte ich und sagte es ihm auch, lauthals, mit leicht empörter Stimme. Ich kam dann richtig in Schwung und benutzte unbewusst die Worte meines Vaters. Ich würde nicht verstehen. Ich würde die heutige Zeit nicht verstehen. Nicht verstehen, wie die Jugendlichen heute lebten. Zum Beispiel, um welche Uhrzeit sie in den Ausgang aufbrechen, um sich zu vergnügen. Und sich dann am Nachmittag ein Tattoo stechen lassen. Wie kann sich das nur jemand ausdenken. Das sei in meinen Augen ein totales Hirngespinst. Ein Tattoo kann nie mehr entfernt werden, ob er sich dessen bewusst sei? Nie mehr. Entsetzlich.
„Wie willst du das“, sagte ich meinem Sohn, „eines Tages, wenn du genug von dieser Hautzeichnung hast, wieder wegbekommen? Das wird dich dein ganzes Leben begleiten. Ich verstehe euch Jungen nicht mehr. Ich verstehe die Welt nicht mehr.“ Und wirklich sagte ich das mit den Worten – das kam mir gleich in den Sinn – mit den Worten meines Vaters, vermutlich meines Urgrossvaters, meines Ururgrossvaters.
Wie nur sollte ich in Zukunft leben, wenn ich gleich denke wie meine Vorfahren? Ich muss doch unbedingt die Zeit verstehen, die Jungen verstehen, sonst bin ich out. Das heisst aus. Auch wieder so ein unpassender englischer Ausdruck: Out. Als könne man eben nicht sagen: Aus.
Ich begann mir zu überlegen, wie ich dieser Falle der Ahnenworte entgehen könnte.
Da entstand in meinem Kopf eine glänzende Idee. Ich beschloss von da an – da ist übrigens kein englisches Wort, sondern ein deutsches. Ich beschloss, mich von da an immer nur rückwärts fortzubewegen. In der Strassenbahn, in der Bahn und liess sogar mein Auto, meinen PKW umbauen und einen Sitz einbauen, den Beifahrersitz, so dass dieser rückwärts schaute. Und das hatte noch weitere Vorteile. Von da an gab ich meiner geliebten Gattin, keine Fahr-Ratschläge mehr, zuckte nicht bei jeder Kreuzung zusammen. Bremste nie mehr mit einem eingebildeten Bremspedal.
Selbst zu Fuss marschierte ich rückwärts. Wurde von Passanten zwar schräg angeschaut, aber das nahm ich freudig in Kauf, denn ich begann, die Welt zu verstehen. Ich begann, die Jungen zu verstehen, denn ich sah alles rückwärts. Versuchen Sie es einmal selbst und Sie werden sehen: Sie werden die Welt verstehen. Sie werden die Jungen verstehen und Sie werden nicht mehr diese Worte, die meine und wohl auch Ihre Vorfahren, benutzt haben, nicht mehr in den Mund nehmen.
Rückwärts muss die Welt gesehen werden, und dann ist alles im grünen Bereich. Alles OK. Jetzt spreche ich dieses englische Wort gern aus. Rückwärts: KO!
Und als Bonus ein weiterer DREISATZROMAN aus meiner Feder:
Z U - R Ü C K
Hau-Rück
Rutsch mir
Den Rück-en
Ganz fest runter.
Auf dass vom eigen Leib
Mir hält das Bunter
Und den Plunder.
Rück-Wärts
Klunckerzunder
Bleischwer droht der
In Sonderklinkerfinken.
Geschrieben von François Loeb, Schweizer Schriftsteller. Weitere Geschichten finden Sie auf der Archivseite >> und hier sind alle Dreisatzromane >> aufgeführt.
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