kostenlose Kurzgeschichte der Woche

Meine kostenlose Kurzgeschichte der Woche

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Hier die aktuelle Kurzgeschichte der Woche (auch als Download Pdf >>) :

Schlüssig

Ich wurde auf den Polizeiposten berufen. Besser gesagt, nicht be-, auch nicht gerufen, sondern am Steuer des Autos meines Vaters, das er mir für diesen speziellen Tag der letzten Maturaprüfung ausgeliehen hatte, von einem Streifenwagen angehalten. Dann grüsste der Polizist höflich, und die ihn begleitende Polizistin führte die Hand an ihre Mütze. Gleich darauf baten sie mich, Auskunft zu geben, was ich getrunken hätte.

Ich war vorher im Gasthof Löwen abgestiegen, und der Streifenwagen hielt wenige hundert Meter davor an und stoppte alle Fahrzeuge, die aus der Löwenrichtung die Strasse entlangfuhren. Meines auch. Da ich sehr jung bin, fragten sie mich höflich, was ich getrunken hätte. Ich antwortete: „Drei, vier Bierchen." Dann streckte die Polizistin den Kopf durch mein Fenster. Ich dachte, sie wolle mich umarmen oder gar küssen. Das war keinesfalls der Fall. Sie sog tief die Luft ein, zwei, drei, viermal, nickte dann ihrem Kollegen zu, und der sagte: „Na ja, Sie müssen jetzt mit uns auf den Polizeiposten kommen."

Ich gab ihm bekannt, ich sei in Eile, ich hätte einen Termin einzuhalten, einen wichtigen Termin, einen Prüfungstermin. Eine Prüfung zu meiner Matura, die jetzt gerade über die Bühne gehe. Da bemerkten die zwei in beinahe perfektem Chor: „Aber nach zwei, drei, vier Bierchen wirst du wohl nicht so gut abschneiden. Also komm mit." Seit wann duzen die mich? Anhand des Führerscheins hatten sie mich auch Heinz genannt. Heinz, das ist mein Name. Also mein Familienname. Die Polizeibeamten konnten bei dem flüchtigen Blick auf meine Papiere nicht wissen, dass Heinz sowohl mein Vor- und Nachname ist. Also gleich wie der Ketchup-Produzent, auf den ich immer stolz bin. Ich heisse Heinz Heinz und nicht Heinzelmännchen.

Ich musste nachgeben und mit ihnen direkt zum Polizeiposten fahren. Dort wiesen sie mir einen Stehplatz minderer Güte hinter einem Stuhl zu. Ich musste stehen. Auf dem Stuhl sass der Kommissar, der Chef des Polizeipostens. Er schaute mir tief in die Augen und fuhr fort: „Heinz, das war nicht gut, was du gemacht hast. Drei, vier Bierchen. Das ist schlüssig, klar, ein Vergehen."

„Schlüssig?", fragte ich zurück. „Nein, ich bin nicht in einem Schlüsselservice. Sollte ich irgendwo hier etwas aufschliessen? Eine Zelle, die Sie nicht mehr öffnen können?" Ich hörte, wie einige an ihren Zellentüren rüttelten, an den Stäben, und dachte, er hätte mich verwechselt und hätte das Gefühl, ich gehöre zu einem Schlüsselservice, was ja gar nicht der Fall ist. Ich musste dringendst zu meiner Maturaprüfung. Dann nahm er einen Block hervor und begann zu schreiben.

Also", sagte er, der Kommissar, „drei bis vier Bierchen. Das ist nicht nichts. Das ist schlüssig."

„Ich wiederhole noch einmal, ich bin nicht in einem Schlüsselservice angestellt. Ich muss zu meiner Maturaprüfung."

«Aber wie willst du nach drei, vier Bierchen deine Maturaprüfung bestehen? Welche Prüfung ist es denn, die du noch absolvieren musst?»

Ich entgegnete: „Mathematik. Also höhere Medika..." Ich begann zu stammeln, denn mir wurde heiss hinter diesem Stuhl, weil ich einen Blick auf die Uhr geworfen und gesehen hatte, dass die Prüfung bereits in zehn Minuten begann. Ich musste unbedingt dorthin. Ich konnte es mir nicht leisten, die Matura einfach fahren zu lassen, durchzufallen und dann noch ein Jahr zu wiederholen. Wie konnte ich ihm das klarmachen? Der Kommissar war ganz ruhig und ich sehr nervös.

„Das ist kein gutes Zeichen, wenn du so nervös bist. Da hast du sicher etwas verbrochen und dein Gewissen plagt dich. Also die drei bis vier Bierchen im Löwen?" Ich wusste weder ein noch aus. Da bemerkte er: „Da müssen wir eine Blutprobe vornehmen."

Ich antwortete mit ängstlicher Stimme: „Nein, ich will keine Blutsbrüderschaft mit Ihnen schliessen. Ich will an meine Maturaprüfung."

„Das kann jeder sagen", antwortete der Kommissar, und gleich kam eine sehr hübsche Polizeiassistentin mit einer Spritze, um mir damit in den Arm zu stechen, und ich schrie schrill: „Nein! Ich muss zur Maturaprüfung und mit einer Wunde kann ich dort nicht hingehen."

„Sei ganz ruhig", sagte der Kommissar, und schon packte mich die Polizistin, nicht der Kommissar, am Arm, und stach mir in die Vene. „Gleich werden wir schlüssig wissen, was du verbrochen hast."

Dann vergingen fünf Minuten, und ich wurde immer nervöser. Die Uhr bewegte sich rasend schnell vorwärts, obwohl ich ihr den Befehl gab, bockstill stehen zu bleiben, doch sie gehorchte nicht. Da kam die Polizeiassistentin zurück und hatte kein Lächeln auf den Lippen, nein, ihre Mundwinkel hingen herab, dabei schüttelte sie Kopf, bemerkte den Kommissar ansprechend: „Null Komma null eins."

„Was waren denn dies zwei drei oder gar vier Bierchen im Löwen?", befragte er mich erneut.

„Das waren alkoholfreie 0,0%", entgegnete ich. „Jetzt muss ich aber gehen. Sonst verpasse ich meine Prüfung."

Gleich stand der Kommissar von seinem Stuhl auf, hinter dem ich bibbernd stand, eilte zum Streifenwagen, ich neben ihm auch im Eilschritt. Mit Blaulicht ging's hin zu meiner Prüfung, die ich dann auch trotz der drei bis vier Bierchen mit Bravour bestand, damit als Matur erklärt und auch vor dem Polizeikommissar und seiner hübschen Assistentin gereift dastehe.



Und als Bonus ein weiterer DREISATZROMAN aus meiner Feder:

S C H L Ü S S E L

Der Schlüssel
Zur grossen weiten 
Welt ist nicht wie so 
Zahlreiche Menschen
Vermeinen das grosse Geld.

Vielmehr die reine
Bedingungslose
Umfassend
Liebe.

Von Mensch
Zu Mitmensch
Ganz besonders
Diejenige von Herz
Zu liebend gewähltem
Erwähltem einzigartig Herz.



Geschrieben von François Loeb, Schweizer Schriftsteller. Weitere Geschichten finden Sie auf der Archivseite >> und hier sind alle Dreisatzromane >> aufgeführt.


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