Meine kostenlose Kurzgeschichte der Woche
An dieser Stelle präsentiere ich Ihnen im wöchentlichen Wechsel die (kostenlose) Kurzgeschichte der Woche, auch als Pdf-Download.
Im Archiv können Sie dann auch stöbern und "alte" Kurzgeschichten lesen und anhören oder hier kostenlos und werbefrei erhalten >>
Hier die aktuelle Kurzgeschichte der Woche (auch als Download Pdf >>) :
Der Schuhrke
Ist es Ihnen auch bereits einmal so ergangen wir mir letzthin?
Ich fühlte mich, als befände ich mich in einem Traum. Kniff mich dreimal in den Arm, wachte dabei nicht auf, verliess den erlebten Traum nicht. Lebte in diesem, als sei er reales Leben. Ich war auf dem Fussweg zurück vom Wochenmarkt, schwerbeladen mit meinen frischen Wocheneinkäufen, auf deren Verzehr sich mein gesamter Körper, bis hin zum Gaumen freute und beobachtete den einfachen Holzschuh, der laut klappernd vor mir herlief und auf dessen Spitze eine blau leuchtende Blume prangte. Das kann doch nicht sein, dachte ich, dass ein Schuh ohne an einem Fuss zu stecken mir einfach vorauseilt, den Heimweg genau einhält, obwohl er diesen doch gar nicht kennen konnte, war es doch nicht mein Schuh. Ein Fremder also. Ein mir völlig unbekanntes Fusswerk. Und wie erstaunt, nein erschrocken war ich dann, als dieses sein Mundwerk in Bewegung setzte. Ich kniff mir erneut in beide Arme, fürchtete, hässliche blaue Flecken davonzutragen. Flecken, die meine Bekannten auf falsche Fährten eines zuschlagenden, brutalen Ehemanns führen und die mir als eingefleischte, lang bewährte Junggesellin unbequeme Fragen als Ernte der Kniffe einbringen könnten.
Genau bei diesem versponnenen Gedanken hielt der Schuh, als ob er die eigene Notbremse gezogen hätte, abrupt vor mir an, wobei er eine Bremsspur im Kiesweg hinterliess. Stellte sich, als ob er ein Zirkuskunststück vollbringen wolle, auf seine Ferse, ganz ohne dabei Verse aufzusagen, vollführte eine Art Männchen, während er, so stellte meine Fantasie es sich vor, um mich warb. Der Schuh musste, so gewann ich die feste Überzeugung, männlichen Geschlechts sein, möglicherweise Übles im Schilde führen. Ich hielt also auf meinem schwer beladenen Heimweg ebenfalls an, neigte mein Haupt dem Schuh zu, streckte ihm meine lange Haarmähne entgegen. Des Schuhs Spitze öffnete sich, liess eine Reihe hoch polierter Holzzähne, keinesfalls Holzspäne, das kann ich beschwören, aufblitzen und begann in holziger, abgehackter Sprache zu sprechen:
'Darf ich mich vorstellen. Mein Name ist Schuhrke. Dass Sie bitte keine falschen Schlüsse daraus ziehen. Bin nicht verwandt mit meinem Namensvetter, dem das mittlere h fehlt und der wortgewandt stets auf Abwegen wandelt. Ganz im Gegenteil, ich führe nichts Böses im Schilde. Keine Schurkerei. Viel eher eine Schuhrkerei. Ich bin überzeugt, dass Ihr feines Gespür, Ihre beispielhafte Empathie den Unterschied wohl bemerken kann. Bemerken kann wie mein Vetter mich als falscher Spurenleger missbrauchen will. Also, bitte haben Sie keinerlei Bedenken, wenn ich mich so aufrechtstehend um Ihre Gunst bewerbe. Die Gunst, die mir eine neue Heimat geben kann. Denn nicht wahr, ich bin seit meiner Geburt in einer Holzwerkstatt auf exakt dieser Suche. Suche mir jeweils eine Möglichkeit aus, eine Hoffnung, bei einem Menschen die ersehnte Heimat, die Ruhe meines Lebens zu erlangen. Ich bitte Sie innigst, mich zu erhören.'
Der Schuhrke fiel nach diesen Worten in sich zusammen und ich konnte nicht anders, als den Schuhrken zu erhören, ihn an meinen linken Fuss anzuziehen und in ihn hinein zu schlüpfen. Seitdem ist er, obwohl ich alle Kniffe dieser Welt zum Loswerden des Schuhrken angewendet habe und immer noch anwende, weiterhin meine linke Fussbekleidung.
Doch ich bin weiterhin auf der Suche nach einem holzig sprechenden rechten Holzschuh. Kann einen solchen nicht finden, da das Handwerk des Holzschuhfertigers ausgestorben ist. Oder sind Sie ein Holzschuhmacher, was ich vermute, deshalb laufe ich Ihnen voraus. Mein Name ist Schuhrke. Nicht, dass Sie dabei, auch wenn ich jetzt vor Ihnen stehe, auf meiner Ferse tanzend, auf keine schlechten Gedanken kommen, denn immer noch suche ich, auf dem rechten Fuss erwischt, meine neue Heimat. Bin fremd auf dieser Welt. Doch bestimmt nicht in Ihrer Traumwelt, die in meinen Träumen meinem ewigen Traum nach Heimat erfüllen kann. Erfüllen wird. Selbst wenn Sie durch das Ertragen Ihrer Fussbekleidung Blasen davontragen werden.
Mein Name ist Schuhrke, nicht wie zahllose Menschen im wahren Leben. Keinesfalls im Traum, mich mit meinem Vetter Schurke gedankenlos und so ungerecht gleichzusetzen, mir dabei die wahre Heimat zu verweigern …
Und als Bonus ein weiterer DREISATZROMAN aus meiner Feder:
WA(H)RE GRÖSSE
Acht1/2
Ist nicht die
Eine Nummer
Des wilden Lachs.
Auch nicht jene des
Beissend Luchs
Oder Fuchs.
Die tragen
Keinen linken
oder rechten Schuh
Haben keine wahre Grösse
Ohhjee ohh riesiges Warenweh!
Geschrieben von François Loeb, Schweizer Schriftsteller. Weitere Geschichten finden Sie auf der Archivseite >> und hier sind alle Dreisatzromane >> aufgeführt.
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