kostenlose Kurzgeschichte der Woche

Meine kostenlose Kurzgeschichte der Woche

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Uhrlaub

"Mir graut vor dem Uhrlaub. Nicht etwa, weil dann alles in Grautönen erscheint. Nein, den Zeitdruck fürchte ich. Alles soll mit der Zeit gehen, sonst geht alles mit der Zeit." Und das will er auf alle Fälle vermeiden", gibt mir mein Freund bei meinem gemütlichen Abendessen, das dadurch alles an Gemütlichkeit verloren hat, echt ungemütlich wird, zu verstehen. Dies umso mehr, ja, das muss ich noch präzisieren: Wir leben in einer eheähnlichen Gemeinschaft unter einem Dach, in einem Bett. Wenn auch einem extra breiten, denn sonst könnte ich Freiheits-Fanatikerin ein solches Leben nicht aushalten. Verständlich ist das, bin ich doch als General Managerin eines Weltunternehmens über alle Massen im Berufsleben eingespannt, um meinen Posten gegen alle, auch fiesen, Anfeindungen zu verteidigen. Also, irgendwo benötige ich auch ohne Not noch meine, wenn auch beschränkten, Freiräume. Unrecht hat er nicht. Zeitdruck ist das Letzte, das ich mir zur Regeneration wünsche. Urlaub! Welch herrliches, absolute Freiheit verheissendes Wort, voller Versprechungen, frei jedes Entscheidenmüssens, echtes Leben wie in der Studentenzeit versprechend. Doch sein Uhrlaub beinhaltet, davon gehe ich aus, das Tragen seiner Smartwatch, der ich nun wirklich nichts abgewinnen kann. Das ewige Gepiepse. Die ständige Kontrolle, selbst meiner und seiner geleisteten Schrittzahlen. Oder denkt er bei Uhrlaub an Urlaub bar jeder Uhr, jeder Zeiteinheit? Zeitlos also. Das wäre ein subtiler Traum, den ich tatsächlich wohl nur in der Bewusstseins-Abwesenheitszeit erleben kann, ohne dass ein hierarchischer Firmen-Umsturz entsteht, bei dem ich unter die von meinen Feinden gesteuerten knirschenden Räder gelangen würde.

Ich beschliesse, ihm eine WhatsApp zu senden mit der einfachen Bedingung, für einen Uhrlaub nach seinem Gusto davor alle Uhren, selbst seine und meine extrem kostspielige Rolex in den Rhein den Fischen zum Frass vorzuwerfen, dem lieblichen Rhein, der an unserem Welt-Firmensitz plätschernd dahinfliesst, zu übergeben.

Und siehe da, innerhalb von 2,5 Sekunden kommt die Antwort: Er sei damit einverstanden, wir sollen uns auf der Rheinterrasse im Hundertdritten Stockwerk in 2,5 Minuten treffen, um der Bedingung Taten folgen zu lassen. Ich solle dafür Sorge tragen, dass er, der 87 Stockwerke in der Hierarchie tiefer angesiedelte Untergebene, auch ohne entsprechende Chip-ID-Card ausnahmsweise Zugang zu meinem Heiligtum der CEO Zentrale erhalten soll.

Dies in so kurzer Zeit zu erfüllen stellt meine absolute Machtfülle vor beinahe unüberwindliche Probleme, denn die IT-KI-Security ist bereits so weit fortgeschritten, dass Ausnahmen kaum noch möglich sind, Genehmigungen der obersten Geschäftsleitung bedürfen, die mir das System schlichtweg nicht zugestehen will. Mit Vehemenz und einem entsprechenden aufs Parkett gelegten Veitstanz versuche ich alle Hürden zu überspringen, werde jedoch in das 85te Stockwerk verwiesen, in dem ich um Genehmigung, um ein Visum zum Eintritt in meine obersten Räume bitten soll. Wie nur soll ich eine Erlaubnis zum Zutritt in mein Heiligtum erhalten, wenn ich ohne Chipcard dieses nicht verlassen kann? Eine so verzwickte Situation habe ich in meiner ganzen Hierarchie-Leiter-Besteigung noch nie erleben müssen. Wie soll ich da nur aus dieser Situation heraus-, oder besser gesagt hinauskommen. Verzwickt, dieses Wort geistert von meinem Magen durch den Spinalkanal zu meinem Kopf und von dort abwärts zu meinem linken bereits durch Bildschirmschäden lädierten Auge, sodass mir nichts anderes als Lösung synapsierend in den Hintersinn gerät als einen Zwicker aufzusetzen. Doch wo einen solchen, notfalls auch monoklig auftreiben? Da kommt mir in den Unsinn, im hinterhältigen Hinterstübchen meines Hirns, dass der WhatsApp-Sender, der mit mir Uhrlaub unternehmen will, einen solchen von seinem Urgrossvater geerbt hat, diesen mir also nur zu übergeben hat. Ich erkenne dabei, dass die Unmöglichkeiten meines Jobs sich in dieser Situation gegenseitig in die Arme fallen, umarmen, sodass kein Aus- oder Einweg in Sicht ist. Aus dem Fenster des Hochhauses springen, in dem sich kein Fenster öffnen lässt, alle versiegelt sind? Oder versuchen, per Aufzug sein Stockwerk-Level zu erreichen? Doch dazu fehlt meine eigens selbst erteilte Genehmigung, deren Passwort ich vergessen habe. Ich stelle fest, dass ich mich im Kreis drehe, so stark, dass mich Schwindel erfasst, ich endlich erkenne, dass meine Hierarchie-Stufe einen echten Schwindel darstellt, Uhrlaub schlichtweg nie möglich sein wird, ich meinen Bettgenossen, der an der Wurzel dieser Schimäre steckt, samt extrabreitem Bett schnurstracks in den ewigen Uhrlaub zu expedieren habe ...



Und als Bonus ein weiterer DREISATZROMAN aus meiner Feder:

U H R E N

Die Uhren
Zählen unsere
Minuten Stunden
Unerbärmlich ohne
Jedes absehbare Ende.

Bestimmen unser Leben
Erbämlich zählen
Momente.

Die vergehen
Verglühen zu Klumpen
Als wären wir gekleidet in
Ewige Sekundeminutenlumpen.



Geschrieben von François Loeb, Schweizer Schriftsteller. Weitere Geschichten finden Sie auf der Archivseite >> und hier sind alle Dreisatzromane >> aufgeführt.


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"Uhrlaub" als Tondokument, vorgelesen von François Loeb:







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