kostenlose Kurzgeschichte der Woche

Meine kostenlose Kurzgeschichte der Woche

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Hier die aktuelle Kurzgeschichte der Woche (auch als Download Pdf >>) :

Der Vogelbauer

Als Kind war ich überzeugt, dass ein Vogelbauer einer sei, der Vogelsamen in die Wiese streut, um dann nach entsprechender Reifezeit – den Samen verteilte er ja im Frühjahr – im Sommer oder gar im Herbst Vögel ernten zu können, die dann ausflögen und sich überwinternd durch die Kälte mogelten, um dann im Frühjahr zwitschernd Nester in unserer Nähe zu bauen, um wieder, diesmal echten, Nachwuchs zu zeugen.

Diese meine Liebe zu Vögeln, zu diesem Glauben, der bei mir haften blieb, im Hirn alle meine Synapsen belebte, denn Vogelgezwitscher ist für mich etwas vom Schönsten der Natur, was dazu führte, dass meiner Familie, meinem weiteren Umfeld allgemein bekannt ist, dass ich Vögel über alles schätze. Und so erhielt ich an meinem 18. Geburtstag, also als ich volljährig wurde, nicht nur einen, sondern drei Vogelbauer geschenkt. Vogelkäfige, einer schöner als der andere, handgeschmiedet und schon leicht angerostet.

Ich hängte diese in die Gartenlaube unseres Hauses, hoffend, wenn ich die Tür offenliesse, dass sich dann ein gefiedertes Wesen dort niederlassen würde, ein Nest bauen und ich alsdann erleben dürfte, wie Vögel aufgezogen würden. Durch die Gitterstäbe das Wachsen und Gedeihen der Jungvögel beobachten könnte, auch indem ich immer wieder etwas Wasser mit einer Pipette und Futter mit einer Pinzette nachliefern würde.

Doch nichts geschah. Das Frühjahr verging und kein Vogel hat sich damals in einem der Bauer niedergelassen. Da überlegte ich mir, was ich als Alternative unternehmen könnte. Ging hin und liess mich durch einen Berater, der auf dem Markt jeden Samstag seine Ware anpries, schlau machen. Schlaumachen, wie ich Insektengitter an meine Vogelbauer anbringen könnte.

Der Händler war gleich begeistert und bemerkte: „Das ist kein Problem. Das mache ich sehr gern. Bringen Sie die Bauer zu mir, und dann werde ich das auch elegant und effizient lösen können.“ Am nächsten Samstag ging ich, schwer beladen mit den drei Vogelbauern, auf den Markt. Brachte sie in meinem Lastenrad zum Insektenabwehrfenster-Spezialisten, der die Käfige anschaute und mir innerhalb von einigen Minuten alle drei mit filigranen Gittern ausgerüstet erneut übergab. So war ich nun sicher, dass ein Vogel nicht mehr entspringen könnte, wenn er einmal im Bauer war. Ich liess die Türchen offen, als ich sie wieder aufhängte, hoffend, dass dann ein Vogel sein Nest im Käfig, wenigstens in einem der drei Käfige, errichten werde. Was war ich erstaunt, als ich dann sah, dass in einem der Käfige eine Fliege herumschwirrte, im anderen eine Mücke, im dritten eine Wespe. Ich schloss die Türchen sofort hermetisch ab und hatte nun Arbeit, viel Arbeit mit den drei Insekten.

Die Insekten wollten natürlich immer wieder entkommen, konnten aber, da ich die Türchen aus Sicherheitsgründen (ich wollte meinen schwer errungenen Fortschritt nicht auf einen Schlag verlieren) geschlossen hielt. Auch kam nicht in Frage, die Insektengitter, die mir der Spezialist eingerichtet hatte, zu durchbrechen. So waren meine Gäste gefangen in ihrer neuen Welt, aber das schien ihnen nicht viel auszumachen. Sie legten Eier und siehe da, nach einiger Zeit hatte ich ganze Kolonien von Fliegen, Mücken und Wespen in meinen Bauern.

Ich fütterte meine Bewohnerschaft mit Pinzette und Pipette. Mit der Pinzette versuchte ich, ihnen flüssige Köstlichkeiten in Form von Wasser, später Kindersirup (sie sahen ja so niedlich aus) zu kredenzen. Doch hatte die Vielzahl der Bewohner keine Freude daran. So ging ich hin und stach mir in den Finger, sodass Bluttropfen herausdrangen, die ich dann durch die Türchen in die Vogelbauer einführte.

Ich sah daraufhin, wie sich die Insekten sofort mit höchster Geschwindigkeit darauf stürzten und genüsslich tranken. Ich hörte sogar ihr Schlürfen. In der Zwischenzeit schien ich die Insektensprache gelernt zu haben, denn ich konnte hören, wie sich die Mücken und die Fliegen bei mir für Speis und Trank bedankten. Nur die Wespen waren unzufrieden und taten dies mit überlautem Summgebrumm kund. Was sollten sie mit Blut anfangen? Das war doch nicht das, wonach sie sich sehnten. So überlegte ich, was Wespen denn speisen wollten. Da nahm ich ein Stückchen vom Fleisch, das ich mir vor Wochen beim Metzger besorgt hatte und es meiner Veggiewochen wegen nicht konsumierte, legte das so entstandene Gammelfleisch in den Käfig. Und tatsächlich: Die Wespen stürzten sich darauf, sorgten dann auch für ordentlichen Nachwuchs. Man muss wissen, dass Wespen, die gute Nahrung in sich aufnehmen, bemerkenswerte Kraft entwickeln. Und so war ich nicht erstaunt, als sich eines Tages tatsächlich der Wespenvogelbauer einfach in die Luft erhob, getragen von Tausenden von Wespen, die die Flucht ergreifen wollten und das nicht konnten, da das Insektengitter sie daran hinderte. Und so flogen sie samt dem Vogelbauer weit zum Himmel hoch.

Das sahen die Mücken und die Fliegen in ihren Bauern, wurden dadurch sehr eifersüchtig, trainierten tage-, wochen-, monatelang, und es gelang ihnen dann auch, samt ihren Käfigen hoch in den Himmel zu steigen. Und ich war meine Vogelbauer los, weinte ihnen einige gesalzene Tränen nach. Doch wenn ich in den Himmel blicke, sehe ich zwischen den Wolken immer wieder den einen oder andere Vogelbauer, fröhlich summend, die Wolken umfliegend umwölkend und sich dabei am sich bildenden Hagel gütlich zu tun.

Und es ist kaum zu glauben: Jedes Jahr konstruierten die Insekten zahlreiche neue Vogelbauer, um ihren Nachwuchs möglichst gut zu versorgen. So kam es, dass eine Welle der Trockenheit die Erde überzog, da alle Flüssigkeit vom Inhalt der jetzt millionenfach gestiegenen Bevölkerung der Vogelbauer aufgesaugt wurde, keine Wolken mehr am Himmel erschienen und die Vogelbauer weiter und weiter flogen, bis hin in die Ionosphäre in Richtung Mond und den Honigmond dann bevölkerten, ihn sichtbar machten. Zum Leidwesen der Astronomen, die nicht wussten, was da vor sich ging.

So kam es, dass immer mehr Vogelbauer anstelle von Satelliten die Erde umkreisten, die künstliche Satelliten als Futter benutzten. So viele Fliegen-, Mücken-, Wespenbauer den Himmel bevölkerten, dass es auf dem Globus dunkler wurde, auf dass alle Vogelbauerbewohner sich der Lebensgrundlage entzogen fühlten, sich nach neuem Leben sehnten, das dank der Evolution bis hin zu einer neuen Spezies führte, die sich Mücken-, Wespen- und Fliegenmensch nannten, die sich gegenseitig bekriegten, um die jeweilige Hegemonie zu erreichen, die Vorherrschaft auf diesem erneuerten blauen Planeten und sich die bisherigen, früher historischen, jetzt augenblicklich künftigen Ereignisse wiederholen, sich den Zyklus des Lebens, ohne den anderen Raum zum Leben zu lassen, gegenseitig streitig machen…



Und als Bonus ein weiterer DREISATZROMAN aus meiner Feder:

V O G E L S A M E N

Leise Vögel
Sammeln
Vogelsamen.

Werden zu Wirten
Beim Sammeln 
sich nie irren.

Flirrend
Klirrend züchten
Sich selber neu dabei
Untreu klüger ohne jede
Mühe Eisesflügel lassen blühen
Verlassen erdig Gefieder All-gemein.



Geschrieben von François Loeb, Schweizer Schriftsteller. Weitere Geschichten finden Sie auf der Archivseite >> und hier sind alle Dreisatzromane >> aufgeführt.


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