Meine kostenlose Kurzgeschichte der Woche
An dieser Stelle präsentiere ich Ihnen im wöchentlichen Wechsel die (kostenlose) Kurzgeschichte der Woche, auch als Pdf-Download.
Im Archiv können Sie dann auch stöbern und "alte" Kurzgeschichten lesen und anhören oder hier kostenlos und werbefrei erhalten >>
Hier die aktuelle Kurzgeschichte der Woche (auch als Download Pdf >>) :
Vor’s Licht führen
Ich liebe es, mein Feierabendbier in meiner Stammkneipe einzunehmen. Sie ist zwar schummrig und raucherfüllt, doch alle meine Stammkumpels, die meist auch meine Stammkunden für die IT-Beratung sind, die mich beruflich umtreibt, treffe ich hier, und das gibt mir ein Heimatgefühl. So auch letztens, als mich einer meiner Freunde – ja, ob er wirklich ein Freund ist, kann man sich guten Gewissens fragen – sein Feierabendbier in sich hineinkippend ansprach und mich fragte, ob ich ein Geheimnis mit ihm teilen möchte. „Na, natürlich", sagte ich. Ja, da möge ich mich heute Abend um dreiundzwanzig Uhr fünfundfünfzig vor dem Haus, das sich im Volksmund Geisterhaus nennt, einfinden. Ich würde es bestimmt auch kennen. Dann würden wir gemeinsam in das Haus eindringen. Er würde zuvor bei der Gemeindeverwaltung den Schlüssel abholen, der ja sonst nicht so einfach herausgegeben werde, aber mit seinem Presseausweis könne er das ohne weiteres vollbringen. Er wolle einfach einmal mehr seiner journalistischen Pflicht nachgehen, Aufklärung betreiben. Da sei es bestimmt berufsethisch richtig, eine Begleitperson zu bitten, das Abenteuer mit ihm zu teilen und damit der Allgemeinheit einen grossen Dienst zu erweisen.
Na ja, nach dem ersten Bier und nach einem zweiten und einem dritten ist es bereits dreiundzwanzig Uhr geworden und ich schreite gemächlichen Schrittes Richtung Geisterhaus, das bereits eine ganz ex- sowie intensive Geschichte hinter sich hat.
Man spricht darüber, dass dort jeden Abend um Punkt vierundzwanzig Uhr ein Geist sein Unwesen treibe. Na, das will ich doch sehen, denke ich. Am besten eben mit einem, der Geheimnisse aufklärt und das dann in die sozialen und unsozialen Medien trägt.
Und tatsächlich steht er vor der Tür des Geisterhauses und hat einen Riesenschlüssel in der Hand. Einen handgeschmiedeten Schlüssel. Die Tür bewegt sich knarrend, und wir treten ein. Es ist dreiundzwanzig Uhr fünfundfünfzig und da, nach einigen Minuten, wir sind jetzt bereits im zweiten Stockwerk angelangt, schlägt die Glocke des Münsters nebenan Mitternacht. Zwölf Schläge und nein, ich glaube es kaum. Da höre ich Schritte. Schritte, die auf uns zukommen. Ein glimmendes Licht dazu. Mir wird kalt. Ein Schauer läuft mir über den Rücken, doch ich rufe mir selber lauthals Mut zu. Und tatsächlich immer noch diese Schritte. Mein Kumpel ist derweil wie vom Parkettboden verschlungen, verschwunden. Ich bin allein. Allein in diesem Geisterhaus. Und die Schritte kommen näher, kommen auf mich zu.
Plötzlich geschieht es. Ich bemerke, dass eine Fusion stattfindet. Nicht eine Konfusion, auch nicht eine Kernfusion, nein, eine menschliche Fusion. Eine Fusion des Ichs mit dem Geist, der ich jetzt bin und jede Nacht um vierundzwanzig Uhr nach dem Glockenschlag den zweiten Stock beschreite. Lauten Fusses beschreite. Schritt um Schritt, die mir tagtäglich Angst einflössen. Einzig und allein, um allfälligen Aufklärungen dann ganz nahe zu sein, um auch weitere menschliche Wesen in mir, mit mir zu vereinen, mit Konfusion, jedoch ohne Kernfusion zum schreitenden, einsamen Mitgeist werden zu lassen, zu konvertieren, um damit meine tagein, tagaus unendliche Einsamkeit zu bekämpfen.
Und als Bonus ein weiterer DREISATZROMAN aus meiner Feder:
V E R V I E L F A L T
Einfalt
Gefaltet
Vervielfältigt
Auf und ab gefaltet
Unmittelbar unvermittelt
Den raschen Zerfall vermittelt.
Gefällt als seis gefällig
Baumstamm der
Nicht klamm
Gefällt.
Blühend
Blätter brühend
Hoffen stetig lässt
Als seien Zukunftssagen
Nichts als Bangeklagehasen.
Geschrieben von François Loeb, Schweizer Schriftsteller. Weitere Geschichten finden Sie auf der Archivseite >> und hier sind alle Dreisatzromane >> aufgeführt.
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