kostenlose Kurzgeschichte der Woche

Meine kostenlose Kurzgeschichte der Woche

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Der Wortchirurg

Regelmässig muss ich zur Kontrolle bei meinem Hausarzt antreten, eine unangenehme Angelegenheit, denn zunächst muss ich im Wartezimmer Platz nehmen und warten, warten, warten. Andere Patienten anschauen, ihre bleichen Gesichter, ihre eingefallenen Wangen, ihre geröteten Ohren. Schüttelfrost, der mich ansteckt. Keine erfreuliche Angelegenheit, aber diesmal, als ich die Treppenstufen emporklimme, — obwohl mir das einige Schwierigkeiten bereitet, auf einem Treppenabsatz ist auch ein Stuhl bereitgestellt für solche wie mich, die ausser Atem kommen – gehe ich leicht keuchend im ersten Stock vorbei und sehe dort ein neues Schild, glänzend, nicht wie Mahagoniholz, nein, wie Kupfer. Echtes Kupfer oder gefälschtes. Darauf steht: „Wortchirurg". Was ist denn das? Und darunter in kleiner Schrift: ‘Die verschiedenen Möglichkeiten der Therapie: Invasiv, Exvasiv’. Hm. Was soll hier geschehen? Die Praxis ganz ohne Doktortitel. Hm. Traue ich dem? Was kann das sein? Wortchirurg? Ist das eine Praxis für solche, die Worte verwechseln, Worte umdrehen, falsche Worte aus ihrem Mund entlassen? Ist das ein Fake-News-Verhinderer? Ein Prüfer für den Inhalt der Worte, die in einem Hirn stecken?

Ah, jetzt geht meine Fantasie wirklich mit mir durch, wenn ich auf dem 'Ausseratemstuhl’ sitze, um Atem zu schöpfen für die nächste Treppe, wenn ich in dem Arzthaus, in dem es keinen Fahrstuhl gibt, nach oben klettere. Absichtlich kein Lift, wie mein Hausarzt mir einst erklärte. Klar, absichtlich, denn das sportliche Training soll nicht zu kurz kommen, auch wenn es einen bemüht und ausser Atem bringt. Doch zurück zum glänzenden Schild: „Wortchirurg"? Was kann das sein? Hm. Muss unbedingt im Net nachschauen. Aber zuerst geht's jetzt zur Kontrolle. Ohh jee. Wenn ich dort nur nicht so lange warten müsste, im Wartezimmer, bevor ich ins Sprechzimmer gehen kann, wo ich meine Worte loswerden soll. Ist das dann die Erklärung für die Wortchirurgie? Na, ich werde sehen. Werde dann im 1. Stock vorbeigehen, wenn die Kontrolle vorbei ist. Doch zuerst Platz nehmen. Eine abgelesene Zeitschrift in die Hand nehmen, in der bereits so zahlreiche Buchstaben fehlen, die beim Lesen von Wartenden herausgeklaut worden sind. Also, die Zeitschrift wechseln. Vielleicht gibt es irgendeine, die noch kaum beachtet worden ist. Und ja, ich werde fündig. Lehne mich zurück, um nicht meine Mitpatienten betrachten zu müssen oder zu dürfen, denn darunter sind auch jüngere als ich. Doch alle sehen kränklich aus. Nicht so, dass ich eine Freude daran haben könnte. Endlich jetzt werde ich aufgerufen, erstaunlicherweise vor allen anderen Wartenden, die in über einer oder zwei Stunden Geduldausübung möglicherweise bereits Wurzeln geschlagen haben, denke ich. Bei mir waren es genau siebzehn Minuten und dreiunddreissig Sekunden, wie meine Stoppuhr mir mitteilt. Ich komme ins Sprechzimmer, spreche mich aus. Der Arzt ist zufrieden. Es folgt ein breites Doktorlächeln. „Ha, Ihnen geht es ja recht gut. Für Ihr Alter sind Sie vergleichsweise ziemlich gesund und fit. Ich kann nur gratulieren." Ha, solche Worte tun gut. Sodass ich, nehme ich an, wenn ich rausgehe und in den Garderobenspiegel blicke, bestimmt wesentlich jünger aussehen werde als beim Hereinkommen, mit meinen damals nach unten hängenden Lippen, die auf ein Urteil warteten, auf ein ärztliches Urteil, das möglicherweise viel schlechter sein könnte als das letzte. Und, welch ein Glück, das Gegenteil ist der Fall. Juhu! Ich kann nur jubeln. Bedanke mich beim Weissbekittelten, nicke ihm zu, gehe hinaus, erblicke die Sprechstundenhilfe, die mir zuwinkt und mich lächelnd mit den Worten verabschiedet: „À la prochaine." Denn sie ist fremdsprachig. À la prochaine. Ha, ich erinnere mich an mein Schulfranzösisch. Das heisst doch „Auf das nächste Mal". Ich will doch noch gar nicht an das nächste Mal erinnert werden. Hmm. Die nächste Kontrolle ist erst wieder in sechs Monaten fällig, und ich schlängle mich die Treppe hinunter, komme dabei nicht ausser Atem, muss mich nicht im ersten Stock auf dem Lehnstuhl ausruhen.

Doch was ist da? Da ist doch diese Plakette des Wortchirurgen. Bin neugierig. Habe Zeit gewonnen. Ich wage es. Trete ein. Es empfangen mich aus Lautsprechern hell und dunkel klingende Worte, Worte, Worte, die über mich herfallen. Laut, überlaut. Muss mein Hörgerät gleich leiser stellen, um mein Trommelfell zu schonen. Haben diese so grellen Worte bereits die chirurgische Behandlung hinter sich gebracht? Wer weiss. Weit und breit kein Mensch zu entdecken. Keine Sprechstundenhilfe. Gar nichts. Nicht einmal ein Roboter. Das Wartezimmer leer. Hmm. Scheint keinen grossen Erfolg zu haben, dieser Wortchirurg. Sonst wäre die Praxis erfüllt von Leben. Leer. Gähnende Leere. Soll ich mich trotzdem hinsetzen und warten auf das, was geschehen wird? Ja, ich wage es. Klaaack. Die Türe hinter mir fällt zu. Ich versuche, sie zu öffnen, um zum Ausgang zu gelangen. Die Tür ist jedoch verriegelt. Verschlossen. Ich bin gefangen.

Und da, eine Stimme. Erneut Worte. „Kommen Sie nur herein. Hereinspaziert." Geräuschlos öffnet sich mir gegenüber eine andere Tür. Mir bleibt zur Flucht keine andere Wahl, ich schreite mit zitternden Knien hinein. Bläuliches Licht umgibt mich. Was geschieht jetzt mit mir? Bin ich viel zu mutig gewesen? Was werden die Folgen sein? Ich beginne, am ganzen Leib zu zittern. Bin ich in eine Falle hineingetappt? Doch da öffnet sich eine weitere Tür, und ich komme in das Arztzimmer. Hinter dem Schreibtisch aus Mahagoni sitzt ein weissbekittelter, relativ junger Mann. Wortchirurgie scheint erst in den Anfängen zu stecken. Ein junger Habilitierter oder Doktorierter. Wer weiss das schon? Wie soll ich ihn ansprechen?

 „Oh, sehr geehrter Herr Professor", stottere ich. Und er fragt nach meinem Begehr. „Ich möchte nur wissen, wofür Wortchirurgie dient, was Sie praktizieren." „Ganz einfach", sagt er. „Jedes Wort, das Sie jetzt aussprechen und in meinen vier Wänden ausgesprochen haben, wird sorgfältig verpackt, bekommt eine Plastikhülle, kommt in den Operationssaal und wird dort minimal-invasiv auseinandergenommen, um seinen Ursprung herauszufinden." „Ursprung?" „Ja, aber mit H geschrieben, denn vergessen Sie nicht: Jedes Wort hat auch einen Zeitwert, einen Zeitabbauwert, wie Plutonium. Und wir werden feststellen und anhand der Zeitabla ..." Weiter spricht er nicht. Aber was will er mit Zeitabla … ausdrücken? Läuft meine Zeit ab? Ja, die Zeit läuft ab. Und ich bin allein. Er ist mit meinen ausgesprochenen Worten verschwunden. Ich verstumme. Minimal-invasiv, so bin ich überzeugt, werden jetzt in diesen Minuten diese Worte untersucht, minimal-invasiv behandelt.

In Minutenschnelle erhalte ich die Worte in reine weisse Watte eingewickelt zurück. Bkitl, wumids, dijjkgrl, wwleek, fhiin, oosfra, mmaan, Drrbil, jkklerr, rrosr ...

Erst jetzt verstehe ich das Handwerk des Wortchirurgen: Da ich die jetzige Welt nicht mehr verstehe, soll auch mich in Zukunft niemand mehr verstehen können …



Und als Bonus ein weiterer DREISATZROMAN aus meiner Feder:

W O R T K O C H E R

Leise
In perfekter
Weise köcheln 
Worte vor sich hin.

Bis dann wie heisser
Schnee schmelzen
Lefzgengrinsend
in den See.

Den unerhörten
Wörtersee.



Geschrieben von François Loeb, Schweizer Schriftsteller. Weitere Geschichten finden Sie auf der Archivseite >> und hier sind alle Dreisatzromane >> aufgeführt.


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