Meine kostenlose Kurzgeschichte der Woche
An dieser Stelle präsentiere ich Ihnen im wöchentlichen Wechsel die (kostenlose) Kurzgeschichte der Woche, auch als Pdf-Download.
Im Archiv können Sie dann auch stöbern und "alte" Kurzgeschichten lesen und anhören oder hier kostenlos und werbefrei erhalten >>
Hier die aktuelle Kurzgeschichte der Woche (auch als Download Pdf >>) :
Kalben
An der grossen Litfasssäule inmitten unserer Kleinstadt prangt seit heute früh, jedenfalls sah ich dieses Plakat mit dem übergrossen Text gegen sieben Uhr beim Weg zur Arbeit: ´LASSEN AUCH SIE IHR ERSPARTES BEI UNSEREM BANKHAUS KALBEN´, geschmückt mit einem übergrossen Ausrufezeichen. Einem überfetten. Das Plakat hat mich elektrisiert. Mich, der stets unter Geldnöten leidet. Was wäre es für ein Glück, wenn diese sich dank dem Bankhaus in eiskalte Luft auflösen würden. Heisse Luft erhalte ich zur Genüge durch anhaltende Mahnungen, Zahlungsfrist-Bekanntgaben, Drohungen aller Art, in letzter Instanz Zwangsmassnahmen einzuleiten, die ich jeweils in letzter Sekunde, keinesfalls in letzter Minute durch das Anzapfen von Freundes-Geldquellen abwehren kann. Also nichts als auf schleunigstem Weg, ganz ohne Um- und Rundwege zum Sitz der Filiale dieses Geldvermehrers zu eilen, hoffend, dass der Run dorthin seit der erst kurzzeitigen Hängefrist an der Säule noch nicht eingesetzt habe. Weit gefehlt.
Denn in der engen Gasse der Altstadt wimmelt es bereits von Hoffnungsträchtigen, deren leere Geldbörsen die Hinterteile der Individuen auf unnatürliche Weise aufblähen. Ich stelle mir die Frage: Wie kann ich zu den Bankräumen gelangen, ohne mich in die sich windende Menschenschlange einzuordnen, dort Stunden zu verbringen und dann möglicherweise vor geschlossenen Eingangstoren durch eine in Kunstschrift verkündende Mitteilung: ´Wegen grossem Andrang geschlossen´ von meinem Glück ausgeschlossen zu werden, weiterhin zum Schmoren in meiner Unglücksspirale verharren zu müssen. Also Kreativitätsturbo in meinem Hirn einschalten. Sogleich erhalte ich drei Vorschläge, wie ich die Menschenmenge umgehen kann: ´LUFTTAXI ERFINDEN UND BENUTZEN; TUNNEL GRABEN; ABWASSERLEITUNGEN NUTZEN`. Wäge alle drei ab. Entscheide mich dagegen. Herrsche meinen Kopfturbo an, befehle ihm, einen weiteren gangbaren Vorschlag zu entwickeln, damit meine Träume nach dem grossen Glück kein endloses Ende zu erfahren hätten. Und siehe da, mit nur einem Wort hilft mir der Turbo aus der Patsche: ´STELZEN!` Und ich erinnere mich an eine kürzlich in der Wochenzeitung erschienene Reportage über einen Stelzenbauer in unserer Altstadt. Eile dorthin. Kaufe dem überglücklichen Handwerker, der unter einer Absatzflaute in der hochstapeligen gegenwärtigen Zeit zu leiden hat, mit gutem Gewissen das höchste Paar ab, selbstverständlich auf Kredit, wie denn sonst, denn bezahlen, meine Schuld abtragen, werde ich nach dem Besuch des Bankhauses ohne Mühe, denn dann werden meine beiden im Portemonnaie verbleibenden kleinen Münzen, gleich dem Kalben eines Gletschers in der Antarktis nie mehr enden könnend, den Handwerker in das monetäre Glück versetzen.
Ich schreite alsdann gemächlich auf den erworbenen Stelzen unter den lauten Protestrufen der menschlichen Schlange, die mir Gift und Galle hoch in die Luft entgegenspeit, direkt zum reichlich mit Banknotenbildern gezierten Portal des Geldvermehrers hin. Trete ein. Werde von einer freundlichen Empfangsdame nach meinem Begehr befragt, antworte mit einem Wort, in Grossbuchstaben ausgesprochen 'KALBEN!'. Werde von zwei Security Bankbeamten eskortiert in die Kellergemächer des Hauses geführt, in denen es so lautstark klimpert und klampert, dass ich mir die Ohren zuhalten muss. « Weiblich oder männlich » wird mir die Frage gestellt. Ich nehme die zwei einzigen Münzen aus meiner Geldbörse, versuche deren Geschlecht zu erkennen. Die Münzprägung zeigt bei beiden einen hübschen weiblichen Lockenkopf. Also alles klar. Kein Wunder, dass bei mir so lange Ebbe herrscht. Wie soll sich da Nachwuchs einstellen? Doch wo eine männliche Münze ergattern? Die Securitymänner weisen mich mit der Bemerkung zum Notausgang hin: «Einzig mit beiden Geschlechtern gelingt das Kalben. Wir raten dir“, fahren die Männer fort, „zur staatlichen Notenbank zu eilen und daselbst für eine deiner zwei Münzen eine Geschlechtsumwandlung zu beantragen. Das gelingt mit einfachem Formular. Doch möglicherweise kann sich die Genehmigung aufgrund des hohen Wandlungsbedürfnisses der zahllosen von Glückssuchern vorgelegten Münzen über Monate hinziehen. Die Endbürokratisierung ist leider noch nicht abgeschlossen!»
Und als Bonus ein weiterer DREISATZROMAN aus meiner Feder:
E I S I G
Gletscher
Eiskalt kalben
Selbst in der Mitte
Der allergrössten Hitze.
Gerade nicht ungerade
Dort in einem fort
Klopfen Wärme
Zockend
Locker
Laut.
Dem
Gestein
Auf gefroren
Sich nach Hitze
Sehnend Steinmoräne.
Geschrieben von François Loeb, Schweizer Schriftsteller. Weitere Geschichten finden Sie auf der Archivseite >> und hier sind alle Dreisatzromane >> aufgeführt.
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